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Diskurs und Ökonomie #22: Die manövrierunfähigen Tanker der Ökonomie

Für Jürgen Link (2009, S. 368ff.) spielen im Bereich der Kollektivsymbole die ‚technischen Vehikel‘ (Schiff, Eisenbahn, Auto, Flugzeug, Raum-Schiff) und die Körpersymbolik eine quantitativ als auch qualitativ überragende Rolle. An früherer Stelle wurde etwa auf die Auto-Symbolik und auf Körpersymbolik im Sinne von bedrohlichen Krankheiten (Virus) als Form der Symbolisierung der Ökonomie verwiesen. Nun liefert die TAZ in einem Kommentar zum ‚Dieselgipfel‘ ein schönes Beispiel für die Schiffssymbolik. Über die Autokonzerne heißt es:

„Sie sind wie manövrierunfähige Tanker, die nur geradeaus fahren können. Vielleicht können sie aus eigener Kraft noch minimal abbremsen. Aber sie steuern unweigerlich auf die Klippe zu. Die betrügerische Bande wird aus falsch verstandenem Selbsterhaltungstrieb weitermachen, auflaufen und untergehen. Jeder weiß das.“ (TAZ vom 3.08.2017, S.1)

Hervorgerufen wird erstens das Bild schierer Größe und auch Trägheit. Die ‚Manövrierunfähigkeit‘ verstärkt dieses Bild, insofern eine ganze Industrie nun unkontrollierbar auf die Katastrophe, die Klippe (des Ruins) zufährt. Kein Verantwortlicher, keine(r) welcher die Unternehmen ‚manövrierfähig‘ machen und ‚lenken‘ könnte, scheint in Sicht. Was hier fehlt ist der oftmals in diesem Bildbereich anzutreffende ‚Steuermann‘ oder auch der ‚Kapitän‘, welcher vielleicht den ‚Stürmen der Globalisierung‘ oder dem ‚Tsunami‘ der Krise trotzt, gelegentlich aber auch einmal ‚das Schiff verlässt‘. Niemand ist also in diesem Beispiel zunächst zu finden, den man womöglich zur Verantwortung ziehen könnte – die schiere Größe und Schwerfälligkeit scheinen dem entgegenzustehen.

Dann aber ein Bildbruch, eine Katachrese: Aus den Tankern werden ‚betrügerische Banden‘, welche ‚untergehen‘. Oder sollte die Schiffsbesatzung gemeint sein? Aber auch hier nur ein generischer kollektiver Akteur. Zudem nun das Bild von Kriminellen, zu verstehen als Abweichung von der ökonomischen Normalität.

In all dem verdichtet wird das Drama einer Branche entworfen, deren Untergang man beiwohnt. Mal wieder Titanic, diesmal aber ohne Glamour. Deutlich wird auch hier die Affektbesetzung – der Thrill – des ökonomischen Diskurses, welcher sich subjektiv in Besorgnis, Panik, Hoffnung oder Optimismus transformiert.

Da ist es dann – kritisch gewendet – schon verwunderlich, wie agil man hinsichtlich von Umtauschprämien für alte Diesel agiert, wie agil man auch am ‚Dieselgipfel‘ beteiligt war. Man sollte also vorsichtig damit sein, einem Tanker – wenn man denn diesem Bild folgen möchte – allein Schwerfälligkeit zuzusprechen. Er ist auch ein Symbol – wenn auch nicht in diesem TAZ-Kommentar – von ökonomischer und politischer Macht.

Quelle

Link, Jürgen (2009): Versuch über den Normalismus. Wie Normalität produziert wird. 4. Aufl. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht.

Filme und TV-Serien über Arbeit (aus einem Beitrag von Rolf Parr)

In seinem instruktiven Beitrag „>Arbeit< diskursanalytisch in den Blick nehmen. Das Promotionskolleg ‚Die Arbeit und ihre Subjekte – Mediale Diskursivierungen von Arbeit seit 1960′“ in der Zeitschrift für Diskursforschung verweist Rolf Parr (Universität Duisburg-Essen) auf eine Reihe von Filmen und Serien seit den 1970er Jahren, welche Arbeit in unterschiedlicher Weise ‚in den Blick nehmen‘. Hier die genannten Titel in alphabetischer Reihenfolge (danke an Rolf Parr für die Erlaubnis, diese Liste hier wiederzugeben):

  • „Acht Stunden sind kein Tag“ (R.W. Fassbinder, BRD 1972-1973)
  • „Arbeiter verlassen die Fabrik“ (H. Farocki, BRD 1995)
  • „Brassed off“ (M. Herman, GB/USA 1996)
  • „Freigestellt. Die Zukunft der Arbeit in Zeiten des Überflusses.“ (C. Stigel, BRD 2012)
  • „Frohes Schaffen. Ein Film zur Senkung der Arbeitsmoral“ (K. Faigle, BRD 2012)
  • „Hände weg vom Interessenausgleich“ (Arbeit und Film (AUF), BRD 1978)
  • „Hat er Arbeit?“ (K. Wessels, BRD 2001)
  • „Jede Menge Kohle“ (A. Winckelmann, BRD 1981)
  • „Lichter“ (H.C. Schmid, BRD 2003)
  • „Mit Schlips und Kragen“ (Arbeit und Film (AUF), BRD 1981)
  • „Out of Darkness: The Mine Worker’s Story“ (B. Kopple/B. Davies, USA 1990)
  • „Prinzessinnenbad“ (B. Blümner, BRD 2007)
  • „Riff-Raff“ (K. Loach, GB 1991)
  • „Roger & Me“ (M. Moore, USA 1989)
  • „Rosetta“ (J.-P. und L Dardenne, BE/F 1998)
  • „The Wire“ (USA 2002-2008)
  • „Union Maids“ (J. Klein/J. Reichert/M. Mogulescu, USA 1976)
  • „Wohin? Angestellte und Arbeiter im Kampf um die Sicherung ihrer Arbeitsplätze“ (Arbeit und Film (AUF), BRD 1979)
  • „Work hard, Play hard“ (C. Losmann, BRD 2012)
  • „Yella“ (C. Petzold, BRD 2007)
  • „Working Stiffs“ (Fernsehserie, USA 1979)

 

 

CfP Tagung „Von der Künstlerkritik zur Kritik an der Kreativität“

Im Rahmen des Promotionskollegs „Die Arbeit und ihre Subjekte. Mediale Diskursivierungen seit 1960“ an der Universität Duisburg-Essen findet vom 12.-14.10 die Tagung „Von der Künstlerkritik zur Kritik an der Kreativität“ statt. Aus der Ankündigung:

„Die interdisziplinäre Konferenz möchte Subjektivierungsprozesse im Bereich kreativer Arbeit als einen Ausgangspunkt nehmen, um aktuelle Forschungsfragen und Positionen zur Debatte um Projekthaftigkeit und Kreativität als scheinbare Paradigmen aller Arbeits- und Lebensformen im ‚neuen Kapitalismus‘ zu diskutieren. Dabei sollen neben kritischen wissenschaftlichen Positionen verschiedener Disziplinen (von Literatur- und Medienwissenschaften bis zu empirischer Sozialforschung) auch Ansätze praxisorientierter Kritik an Subjektivierungweisen und dem Kreativitätsdispositiv in den Blick genommen werden.“

Weitere Informationen und der vollständige Call finden sich hier:

https://www.uni-due.de/promotionskolleg_arbeit/konferenz_kreativitaet

 

New Publication: Diaz-Bone, Rainer/Hartz, Ronald (eds.) (2017): Dispositiv und Ökonomie. Diskurs- und dispositivanalytische Perspektiven auf Märkte und Organisationen. Wiesbaden: Springer VS.

Diaz-Bone_Hartz_CoverAbstract

Der vorliegende Band bietet einen aktuellen Überblick über die Vielzahl neuerer sozialwissenschaftlicher Forschungen zur Bedeutung, Funktion und Theorie von Dispositiven in und für die Ökonomie. Denn die Ökonomie ist „instrumentiert“ – Organisationen und Märkte sind durchzogen und ausgestattet mit Objekten, Materialitäten, Technologien, Diskursen und Subjektivierungsweisen, deren spezifische Verknüpfungen die Ökonomie hervorbringen. Für die Analyse der Dispositive muss „Ökonomie“ daher notwendig transdisziplinär gefasst werden, gerade um die bisher weitgehende Ausblendung von Dispositiven in der Analyse von Märkten und Organisationen zu überwinden und diese durch neuartige theoretische aber auch vielfältige methodologische Zugänge zu erschließen. Diese Erschließung der materiellen und immateriellen Ausstattung der Ökonomie erfolgt nun nicht nur transdisziplinär, sondern auch international. Der Band präsentiert Beiträge von Forschenden aus Deutschland, Frankreich, Großbritannien und der Schweiz.

Link: http://www.springer.com/de/book/9783658158415

Table of Content: Diaz-Bone_Hartz_2017_Cover+Content-1

Flyer: Flyer Diaz-Bone_Hartz Dispositiv und Oekonomie 2017

 

 

Selbstverwaltende Betriebe: die Glashütte Süßmuth – ein Essay von Christiane Mende

„Im März 1970 übernahm zum ersten Mal in der Geschichte der Bundesrepublik eine Belegschaft ihren Betrieb in eigene Verantwortung. Angesichts des drohenden Verlusts ihrer Arbeitsplätze fanden die Beschäftigten damit eine kollektive Antwort, wie sie im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts auch in anderen Industriegesellschaften Westeuropas, allen voran in Italien, Spanien und Frankreich, zu beobachten war. Die nun beginnende Selbstverwaltung der Glashütte Süßmuth in der nordhessischen Kleinstadt Immenhausen wurde zum Politikum.“

Quelle: Christiane Mende: Arbeiterinnenselbstverwaltung? Normalität und Aufbruch im Arbeitsalltag der Belegschaftseigenen Glashütte Süßmuth, in: Themenportal Europäische Geschichte, 2017, <www.europa.clio-online.de/essay/id/artikel-4127>.)

Christiane Mendes Essay beleuchtet den Fall dieser Betriebsübernahme insbesondere aus der Perspektive der weiblichen Beschäftigten, deren Arbeitsbedingungen und Mitbestimmung während der Zeit der Betriebsübernahme.

Die Selbstverwaltung bestand bis Ende der 1989, dann erfolgte eine Reprivatisierung. 1996 wurde die Hütte geschlossen. Weitere Informationen zur Glashütte findet sich in einem Artikel aus der ZEIT von 1973 sowie in einem Text von Gisela Notz:

http://www.zeit.de/1973/01/die-huette-der-arbeiter/komplettansicht

https://www.linksnet.de/artikel/27841

Diskurs und Ökonomie #21: Euphemismen (nicht nur der Ökonomie) von Ingo Arzt (taz)

Eine kleine und anregende Sammlung aktueller Euphemismen hat Ingo Arzt in der taz zusammengetragen und kreiert (https://www.taz.de/!5392537/). Darunter auch einige mit ökonomischen Bezug. Ob ’neu streichen‘ nun Upcycling ist oder Gemütlichkeit heute De-Growth, darüber lässt sich prima diskutieren … Massenentlassung heißt für Ingo Arzt jetzt Industrie 4.0. Vielleicht reichen hier aber auch ein paar ältere Euphemismen: Verschlankung und Freisetzung.

CfP: What turns the European labour market into a fortress? ESA 2017 conference

*Call for Papers for the Research Stream*: What turns the European labour market into a fortress?

The European Sociological Association’s 2017 conference „(Un)Making Europe: Capitalism, Solidarities, Subjectivities“ will take place from August 29-September 1 in Athens.

Conference website: http://esa13thconference.eu/

Abstracts: 250 words, to be submitted before February 1: https://www.conftool.pro/esa2017/

RS16 – What turns the European labour market into a fortress?

Coordinators: Hans Siebers, Tilburg University, Tilburg, The Netherlands H.G.Siebers@tilburguniversity.edu

Bridget Anderson, University of Oxford

Alice Bloch, University of Manchester

Patrizia Zanoni, Hasselt University

*Description of the Research Stream*

Ethno-migrant inequality remains a persistent trait of the labour market in Europe. Our knowledge about the mechanisms and factors that produce the obstacles and boundaries that migrants face when trying to equally participate in the labour market is incomplete. To advance our knowledge, we need to explore the impact of institutional and discursive factors that stem from the labour market itself, drawing on a combination of macro-quantitative and meso/micro-qualitative studies and highlighting the articulations of various factors and mechanisms.

*General call for papers*

Inequality between migrants (refugees, labour migrants, family reunification, etc.) and non-migrants remains a very serious problem in the capitalist labour markets of Europe. It challenges solidarities and may be decisive in the further making of Europe to become either an open society or a fortress against others. The main explanations of this ethnomigrant inequality point to differences in human capital and social capital, to the impact of government policies and legislation as well as to the consequences of discrimination and exclusion. However, our knowledge about the mechanisms and factors that produce this ethno-migrant inequality in access to jobs, pay, information, fair assessments, development opportunities, promotion chances and fair outflow procedures still remains limited and incomplete.

Possible session themes include but are not limited to:

– The institutional and discursive factors and mechanisms that are operational in the labour market and society itself in addition to focusing on the characteristics of groups of migrants. For example, societal discourses and policies on ethnicity and migrancy as well as specific management practices and forms of labour control may play a vital role either in opening up or in closing down space for migrants in the labour market. Here also the ethno-migrant consequences of the precarization of labour relations needs further exploration.

– More fruitful interactions between macro and micro/meso studies that so far tend to go separate ways. Micro/meso studies on subjectivity and interactions between migrants and non-migrants, for example in particular organisations, may benefit from a more macro context perspective, whereas macro studies could make more use of micro/meso studies to pose relevant questions and to interpret data. The interplay between empirical studies and drawing of various theoretical sources will enhance our understanding of the place of migrants at work.

– The interactions between the various factors and mechanisms that produce ethnomigrant inequality. For example, is migrants’ less disposal of human capital than nonmigrants due to them having acquired less specific capital in their countries of origin, or is their human capital appreciated and valorised less by employers due to discrimination or have they become the object of ethnicization processes in education in the country their currently live in? There is evidence for all these issues, but we know little about their relative weight and interactions.

– The various subjectivities and experiences of migrants themselves to resist, to cope with exclusion, to look for ways of empowerment and for spaces of upward mobility and the degrees of success resulting from these various efforts and approaches. This far from exclusive list calls for a comparative perspective in which studies in various parts of Europe and on various sectors and levels of the labour market can be compared. Papers are welcome on one of more of these topics, taking an empirical and/or theoretical perspective.

*Timeline *

1st February 2017 Abstract submission deadline

1st April Notification of acceptance (sent to abstract submitters via ConfTool in early April)

1st May Early-bird registration deadline

1st June Paper givers registration deadline

1st August Printing of the programme

29 Aug. to 1 Sep. 13th ESA conference in Athens

Diskurs und Ökonomie #20: Baudrillard zu Dieselgate, oder: Skandale als Simulation ökonomischer Moral

Die Affäre um manipulierte Abgaswerte beschäftigt die Öffentlichkeit mit wechselnder Aufmerksamkeit schon recht lange. Berechtigterweise fordert man (zumindest gelegentlich) strengere Kontrollen, Tests unter ‚realistischen‘ Bedingungen, Entschädigungen etc.

Mit Baudrillard lässt sich nun dieser Skandal (und mithin weitere Skandale im ökonomischen und politischen Kontext) einmal hinsichtlich seiner grundsätzlichen Funktion für die Stabilisierung von Ökonomie (und Politik) befragen. Baudrillard nimmt in die ‚Agonie des Realen‘ konkret Bezug auf Watergate und wir können an dieser Stelle und versuchsweise einfach einmal ein anderes Gate setzen:

„Die öffentliche Anprangerung des Skandals ist stets eine Huldigung an das Gesetz. Und mit Watergate [Dieselgate, R.H.] ist es vor allem gelungen, den Eindruck zu erwecken, daß es tatsächlich einen Skandal gegeben hat – in diesem Sinne war die Affäre eine ungeheure Vergiftungsoperation. Man hat der Gesellschaft wieder eine ordentliche Dosis politischer [ökonomischer, R.H.] Moral injiziert.“ (Die Präzession der Simulakra. In: Agonie des Realen, Merve 1978, S. 26f.)

Und weiter:

„Alles, was das Kapital von uns verlangt, ist, daß wir es für rational halten oder es im Namen der Rationalität bekämpfen, daß wir es für moralisch halten oder im Namen einer Moral bekämpfen. Denn im Grunde gibt es zwei Lesarten für ein und dieselbe Sache: früher bemühte man sich einen Skandal zu dissimulieren [zu verheimlichen, R.H.] – heute bemüht man sich zu verbergen, daß es keiner ist.“ (Die Präzession der Simulakra. In: Agonie des Realen, Merve 1978, S. 27f.)

In der Perspektive Baudrillards erscheint Dieselgate dann als ‚Falle‘, als ‚Ablenkungsmanöver‘, welche eine wirkliche / reale Moralität des Ökonomischen behauptet (oder einfordert), welche de facto sowieso nicht vorhanden ist. Skandale als Simulation ökonomischer Moral oder ökonomischer Rationalität.

Das Baudrillards These – vorsichtig formuliert – wenig optimistisch hinsichtlich der Möglichkeit der Veränderung ökonomischer Praktiken stimmt, sollte nicht dazu verleiten, diese vorschnell als überspitzt zu bezeichnen. Ist in Krisen- und Skandaldiskursen doch auch immer wieder die Rede von den Selbstheilungs- und Selbstreinigungskräften des Marktes, welche möglicherweise nichts weiter als die (im Sinne Baudrillards) Simulation und Unterstellung von Rationalität oder Moral anzeigen, welche nun bedauerlicherweise und gerade in dieser Krise suspendiert waren. In der düsteren (?) Lesart Baudrillards gibt es einfach nichts, was hätte suspendiert werden können.

Aber: Lässt sich Baudrillards These aus den 1970er Jahren im Hinblick auf die Phänomene des Whistleblowing der letzten Jahre so einfach übertragen? Woher kommt dann all die Energie, Whistbleblowing so energisch zu bekämpfen und deren Protagonist_innen ruhigzustellen? Und schließlich (und hierzu konträr): Bedarf es überhaupt noch dieser Logik und Funktion des Skandals? Zeigen nicht die Absatzzahlen von VW, dass ‚man‘ ‚augenzwinkernd‘ doch ‚eigentlich‘ sowieso Bescheid weiß?

 

Diskurs und Ökonomie – Ältere Beiträge:

Zombiebanken

Virus

Kernschmelze

Gaspedal und Handbremse

„Bei aller Wertschätzung für ihre tägliche Arbeit“, oder: Arbeitskämpfe als ‚diskursive Kämpfe‘

Klettertour und Basislager

Anlegerstreik

Schwan vs. Sinn, oder: in Verteidigung der Reinheit der Ökonomie

„Die Athener Rasselbande“

Talfahrt

Blase(n)

Industrie 4.0

Im TTIP-Leseraum

Selber Schuld! Das IW erklärt den Gender Pay Gap

‚Totholz‘ und ‚Zitronen‘ – Zur Klassifikation von Beschäftigten

Bourdieu zur ökonomischen Orthodoxie

Geldschleusen und zu flutende Märkte

ARD-Themenwoche „Zukunft der Arbeit“ – weitere Eindrücke zur diskursiven Rahmung

Gerade findet in der ARD die Themenwoche „Zukunft der Arbeit“ statt. Beiträge unterschiedlichster Art – vom Krimi über zahlreiche Reportagen bis hin zu Talkshows – wurden und werden hierbei gesendet:

http://www.ard.de/home/themenwoche/ARD_Themenwoche_2016_Zukunft_der_Arbeit/3235538/index.html

Werner Nienhüser nimmt auf seinem Blog Employment Relations eine erste kritische Einschätzung vor, welche ich hier gerne wiedergebe und kurz ergänzen möchte:

Eine gute bzw. gut gemeinte Sache?  Ein nicht so kleines Aber: Die Sendungen scheinen mir sehr stark zum einen auf die Ersetzung von menschlicher Arbeitskraft durch (i.w.S.) Maschinen, zum anderen auf die Folgen für das Individuum (Abstieg, Armut) zentriert zu sein. Eine solche Perspektive könnte folgende Funktionen erfüllen: Sie vermitteln ein Gefühl der Ersetzbarkeit eines jeden Einzelnen. Als Lösung wird lediglich angeführt, man müsse sich eben individuell für den Wandel qualifizieren. Das schürt Konkurrenz und rückt lediglich individuelle (Re)aktionen in den Blick. Technische Veränderungen werden als gleichsam unveränderlich dargestellt, kollektive Gestaltungsmöglichkeiten (oder gar Möglichkeiten der Gegenwehr) werden nicht thematisiert und damit ausgeblendet. – Ja, richtig, ich kann die Sendungen noch gar nicht gesehen haben und werde auch nicht alle sehen können. Es ist auch lediglich eine Vermutung von mir über die Effekte für den Diskurs, von der ich hoffe, dass sie sich nicht bestätigt. (Quelle: https://employmentrelations.wordpress.com/2016/10/31/ard-themenwoche-zukunft-der-arbeit/)

Sicher zeigt sich zunächst eine hohe Diversität in den Beiträgen zur Themenwoche – diese müsste noch erheblich genauer betrachtet werden. Wichtig erscheint mir zunächst, wie denn die „Zukunft der Arbeit“ diskursiv gerahmt wird, und Werner Nienhüser gibt hier bereits ein paar wichtige Eindrücke wieder. Drei Aspekte dieser Rahmung lassen sich, nach meinen ersten Eindrücken, ergänzen:

  1. Der Rahmen der Woche scheint stark vom Begriff „Digitalisierung“ geprägt. „Digitalisierung“ wird auf der gleichen Ebene wie „Globalisierung“ angesiedelt und wird, wie bei „Globalisierung“ hinlänglich bekannt, als Naturereignis in den Diskurs eingeführt. In der Ankündigung zur Themenwoche heißt es:

Ob wir es wahrhaben wollen oder nicht: Die Zukunft der Arbeit hat längst begonnen. Digitalisierung und Globalisierung schreiten unaufhaltsam voran. Die klassische Erwerbsarbeit des Industriezeitalters verliert an Bedeutung. „Industrie 4.0“, „Sharing-Ökonomie“ oder „Cloud-Working“ heißen die Schlagworte. Das „Internet der Dinge“ wird schon bald Produkte aus dem 3D-Drucker möglich machen, individueller und billiger als heute. Software wird Sachbearbeiter in den Büros ersetzen, Automaten werden sich selbst optimieren. Neue Plattformen und Netzwerke machen bereits jetzt jeden Autobesitzer potentiell zum Billig-Taxi-Anbieter und jeden Wohnungsbesitzer zum Vermieter von Gästezimmern. Aber wer sind bei all diesen Veränderungen eigentlich Gewinner und Verlierer? (Quelle: http://www.ard.de/home/intern/presse/pressearchiv/ARD_Themenwoche_2016___Zukunft_der_Arbeit_/3135958/index.html)

2. Der Begriff „Digitalisierung“ dient zugleich als neue Umschreibung von „Rationalisierung“ (welche das unausgesprochene Zentrum des Diskurses ist). Implizit geht es um Effizienz, Wachstum, den Einsatz von Technologie i.S. instrumenteller Vernunft. Das ökonomische Narrativ hinter der „Zukunft der Arbeit“ scheint somit dem Anschein nach nichts Neues anbieten zu können; es ist letztendlich eher Verlängerung der Gegenwart als eine irgendwie anders geartete Zukunft. Deutlich scheint mir diese Rahmung beim sogenannten „Job-Futuromat“ zu sein. Beim „Job-Futoromat“ gibt man einen Beruf an und erfährt, welche Tätigkeiten dieses Berufes heute bereits automatisiert werden können. In den Erläuterungen zum „Job-Futuromat“ wird das technisch und ökonomische Narrativ deutlich, lediglich abgeschwächt durch mögliche rechtliche Fragen oder ethische Überlegungen – eine politische Ökonomie lässt sich daraus sicher nicht gewinnen:

„Es muss aber nicht sein, dass eine Tätigkeit, die als momentan automatisierbar eingestuft wurde, in den nächsten Jahren tatsächlich automatisiert wird. Möglicherweise ist die menschliche Arbeit hier wirtschaftlicher, flexibler oder von besserer Qualität. Auch rechtliche oder ethische Hürden können einer Automatisierung entgegenstehen.“ (Quelle: http://job-futuromat.ard.de/faq.html)

3. Erscheinen einem ‚ethische Hürden‘ schon als nicht sonderlich beruhigend, erscheint mir schließlich ein weiterer Aspekt der Anrufung des Fernsehzuschauern oder des Nutzers der Online-Angebote bedeutsam. Hier gilt – wiederum bezogen auf den „Job-Futuromat“ – dass sich niemand seiner Arbeit sicher sein sollte. Wenn man etwa Hochschullehrer als Beruf angibt, wird eine null-prozentiger Grad der Automatisierbarkeit angezeigt. Aber merke auf:

Bleibt in meinem Job alles beim Alten, wenn der Grad der Automatisierbarkeit niedrig (oder 0%) ist?

Auch in Berufen mit einem niedrigen Grad der Automatisierbarkeit – selbst von 0% – ist es gut möglich, dass in Zukunft Tätigkeiten automatisierbar sein werden, von denen wir uns heute noch nicht vorstellen können, dass sie einmal von Maschinen, Robotern oder Computerprogrammen ausgeführt werden könnten. (Quelle: http://job-futuromat.ard.de/faq.html)

Damit geht es zurück zur Ausgangsrahmung. Aber keine Angst – für das verunsicherte Subjekt ist praktische Hilfe in Sicht:

Klar ist aber, dass der technische Fortschritt die Anforderungen an die menschliche Arbeit verändert. Eine kontinuierliche berufliche Weiterbildung wird daher immer wichtiger. Informationen hierzu finden Sie bei der BA. (Quelle: http://job-futuromat.ard.de/faq.html)

Neue Publikation: „Diskursanalyse in der Organisationsforschung“ nun Online

Der zusammen mit Gabriele Fassauer (TU Dresden) für das von Stefan Liebig, Wenzel Matiaske und Sophie Rosenbohm herausgegebene Handbuch Empirische Organisationsforschung verfasste Beitrag „Diskursanalyse in der Organisationsforschung“ ist nun als Online First verfügbar:

http://link.springer.com/referenceworkentry/10.1007/978-3-658-08580-3_17-1

doi:10.1007/978-3-658-08580-3_17-1

Zusammenfassung

Der Beitrag bietet einen grundlegenden Überblick über diskursanalytische Orientierungen und Perspektiven in der Organisationsforschung. Entlang der Achsen Sprachgebrauch – Ordnung des Diskurses und Deskription – Kritik werden zunächst grundlegende gegenstandsbezogene und normative Orientierungen der Diskursforschung benannt. Anschließend erfolgt eine Darstellung von Rhetorik, Gesprächsanalyse, Narrationsanalyse und kritischer Diskursanalyse als vier weitverbreiteten Perspektiven diskursanalytischer Forschung. Ein Überblick über methodische Schritte und methodische Besonderheiten diskursanalytischer Forschung beschließt den Beitrag.