Schlagwort-Archiv: Diskurs

CfP: What turns the European labour market into a fortress? ESA 2017 conference

*Call for Papers for the Research Stream*: What turns the European labour market into a fortress?

The European Sociological Association’s 2017 conference „(Un)Making Europe: Capitalism, Solidarities, Subjectivities“ will take place from August 29-September 1 in Athens.

Conference website: http://esa13thconference.eu/

Abstracts: 250 words, to be submitted before February 1: https://www.conftool.pro/esa2017/

RS16 – What turns the European labour market into a fortress?

Coordinators: Hans Siebers, Tilburg University, Tilburg, The Netherlands H.G.Siebers@tilburguniversity.edu

Bridget Anderson, University of Oxford

Alice Bloch, University of Manchester

Patrizia Zanoni, Hasselt University

*Description of the Research Stream*

Ethno-migrant inequality remains a persistent trait of the labour market in Europe. Our knowledge about the mechanisms and factors that produce the obstacles and boundaries that migrants face when trying to equally participate in the labour market is incomplete. To advance our knowledge, we need to explore the impact of institutional and discursive factors that stem from the labour market itself, drawing on a combination of macro-quantitative and meso/micro-qualitative studies and highlighting the articulations of various factors and mechanisms.

*General call for papers*

Inequality between migrants (refugees, labour migrants, family reunification, etc.) and non-migrants remains a very serious problem in the capitalist labour markets of Europe. It challenges solidarities and may be decisive in the further making of Europe to become either an open society or a fortress against others. The main explanations of this ethnomigrant inequality point to differences in human capital and social capital, to the impact of government policies and legislation as well as to the consequences of discrimination and exclusion. However, our knowledge about the mechanisms and factors that produce this ethno-migrant inequality in access to jobs, pay, information, fair assessments, development opportunities, promotion chances and fair outflow procedures still remains limited and incomplete.

Possible session themes include but are not limited to:

– The institutional and discursive factors and mechanisms that are operational in the labour market and society itself in addition to focusing on the characteristics of groups of migrants. For example, societal discourses and policies on ethnicity and migrancy as well as specific management practices and forms of labour control may play a vital role either in opening up or in closing down space for migrants in the labour market. Here also the ethno-migrant consequences of the precarization of labour relations needs further exploration.

– More fruitful interactions between macro and micro/meso studies that so far tend to go separate ways. Micro/meso studies on subjectivity and interactions between migrants and non-migrants, for example in particular organisations, may benefit from a more macro context perspective, whereas macro studies could make more use of micro/meso studies to pose relevant questions and to interpret data. The interplay between empirical studies and drawing of various theoretical sources will enhance our understanding of the place of migrants at work.

– The interactions between the various factors and mechanisms that produce ethnomigrant inequality. For example, is migrants’ less disposal of human capital than nonmigrants due to them having acquired less specific capital in their countries of origin, or is their human capital appreciated and valorised less by employers due to discrimination or have they become the object of ethnicization processes in education in the country their currently live in? There is evidence for all these issues, but we know little about their relative weight and interactions.

– The various subjectivities and experiences of migrants themselves to resist, to cope with exclusion, to look for ways of empowerment and for spaces of upward mobility and the degrees of success resulting from these various efforts and approaches. This far from exclusive list calls for a comparative perspective in which studies in various parts of Europe and on various sectors and levels of the labour market can be compared. Papers are welcome on one of more of these topics, taking an empirical and/or theoretical perspective.

*Timeline *

1st February 2017 Abstract submission deadline

1st April Notification of acceptance (sent to abstract submitters via ConfTool in early April)

1st May Early-bird registration deadline

1st June Paper givers registration deadline

1st August Printing of the programme

29 Aug. to 1 Sep. 13th ESA conference in Athens

Diskurs und Ökonomie #20: Baudrillard zu Dieselgate, oder: Skandale als Simulation ökonomischer Moral

Die Affäre um manipulierte Abgaswerte beschäftigt die Öffentlichkeit mit wechselnder Aufmerksamkeit schon recht lange. Berechtigterweise fordert man (zumindest gelegentlich) strengere Kontrollen, Tests unter ‚realistischen‘ Bedingungen, Entschädigungen etc.

Mit Baudrillard lässt sich nun dieser Skandal (und mithin weitere Skandale im ökonomischen und politischen Kontext) einmal hinsichtlich seiner grundsätzlichen Funktion für die Stabilisierung von Ökonomie (und Politik) befragen. Baudrillard nimmt in die ‚Agonie des Realen‘ konkret Bezug auf Watergate und wir können an dieser Stelle und versuchsweise einfach einmal ein anderes Gate setzen:

„Die öffentliche Anprangerung des Skandals ist stets eine Huldigung an das Gesetz. Und mit Watergate [Dieselgate, R.H.] ist es vor allem gelungen, den Eindruck zu erwecken, daß es tatsächlich einen Skandal gegeben hat – in diesem Sinne war die Affäre eine ungeheure Vergiftungsoperation. Man hat der Gesellschaft wieder eine ordentliche Dosis politischer [ökonomischer, R.H.] Moral injiziert.“ (Die Präzession der Simulakra. In: Agonie des Realen, Merve 1978, S. 26f.)

Und weiter:

„Alles, was das Kapital von uns verlangt, ist, daß wir es für rational halten oder es im Namen der Rationalität bekämpfen, daß wir es für moralisch halten oder im Namen einer Moral bekämpfen. Denn im Grunde gibt es zwei Lesarten für ein und dieselbe Sache: früher bemühte man sich einen Skandal zu dissimulieren [zu verheimlichen, R.H.] – heute bemüht man sich zu verbergen, daß es keiner ist.“ (Die Präzession der Simulakra. In: Agonie des Realen, Merve 1978, S. 27f.)

In der Perspektive Baudrillards erscheint Dieselgate dann als ‚Falle‘, als ‚Ablenkungsmanöver‘, welche eine wirkliche / reale Moralität des Ökonomischen behauptet (oder einfordert), welche de facto sowieso nicht vorhanden ist. Skandale als Simulation ökonomischer Moral oder ökonomischer Rationalität.

Das Baudrillards These – vorsichtig formuliert – wenig optimistisch hinsichtlich der Möglichkeit der Veränderung ökonomischer Praktiken stimmt, sollte nicht dazu verleiten, diese vorschnell als überspitzt zu bezeichnen. Ist in Krisen- und Skandaldiskursen doch auch immer wieder die Rede von den Selbstheilungs- und Selbstreinigungskräften des Marktes, welche möglicherweise nichts weiter als die (im Sinne Baudrillards) Simulation und Unterstellung von Rationalität oder Moral anzeigen, welche nun bedauerlicherweise und gerade in dieser Krise suspendiert waren. In der düsteren (?) Lesart Baudrillards gibt es einfach nichts, was hätte suspendiert werden können.

Aber: Lässt sich Baudrillards These aus den 1970er Jahren im Hinblick auf die Phänomene des Whistleblowing der letzten Jahre so einfach übertragen? Woher kommt dann all die Energie, Whistbleblowing so energisch zu bekämpfen und deren Protagonist_innen ruhigzustellen? Und schließlich (und hierzu konträr): Bedarf es überhaupt noch dieser Logik und Funktion des Skandals? Zeigen nicht die Absatzzahlen von VW, dass ‚man‘ ‚augenzwinkernd‘ doch ‚eigentlich‘ sowieso Bescheid weiß?

 

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ARD-Themenwoche „Zukunft der Arbeit“ – weitere Eindrücke zur diskursiven Rahmung

Gerade findet in der ARD die Themenwoche „Zukunft der Arbeit“ statt. Beiträge unterschiedlichster Art – vom Krimi über zahlreiche Reportagen bis hin zu Talkshows – wurden und werden hierbei gesendet:

http://www.ard.de/home/themenwoche/ARD_Themenwoche_2016_Zukunft_der_Arbeit/3235538/index.html

Werner Nienhüser nimmt auf seinem Blog Employment Relations eine erste kritische Einschätzung vor, welche ich hier gerne wiedergebe und kurz ergänzen möchte:

Eine gute bzw. gut gemeinte Sache?  Ein nicht so kleines Aber: Die Sendungen scheinen mir sehr stark zum einen auf die Ersetzung von menschlicher Arbeitskraft durch (i.w.S.) Maschinen, zum anderen auf die Folgen für das Individuum (Abstieg, Armut) zentriert zu sein. Eine solche Perspektive könnte folgende Funktionen erfüllen: Sie vermitteln ein Gefühl der Ersetzbarkeit eines jeden Einzelnen. Als Lösung wird lediglich angeführt, man müsse sich eben individuell für den Wandel qualifizieren. Das schürt Konkurrenz und rückt lediglich individuelle (Re)aktionen in den Blick. Technische Veränderungen werden als gleichsam unveränderlich dargestellt, kollektive Gestaltungsmöglichkeiten (oder gar Möglichkeiten der Gegenwehr) werden nicht thematisiert und damit ausgeblendet. – Ja, richtig, ich kann die Sendungen noch gar nicht gesehen haben und werde auch nicht alle sehen können. Es ist auch lediglich eine Vermutung von mir über die Effekte für den Diskurs, von der ich hoffe, dass sie sich nicht bestätigt. (Quelle: https://employmentrelations.wordpress.com/2016/10/31/ard-themenwoche-zukunft-der-arbeit/)

Sicher zeigt sich zunächst eine hohe Diversität in den Beiträgen zur Themenwoche – diese müsste noch erheblich genauer betrachtet werden. Wichtig erscheint mir zunächst, wie denn die „Zukunft der Arbeit“ diskursiv gerahmt wird, und Werner Nienhüser gibt hier bereits ein paar wichtige Eindrücke wieder. Drei Aspekte dieser Rahmung lassen sich, nach meinen ersten Eindrücken, ergänzen:

  1. Der Rahmen der Woche scheint stark vom Begriff „Digitalisierung“ geprägt. „Digitalisierung“ wird auf der gleichen Ebene wie „Globalisierung“ angesiedelt und wird, wie bei „Globalisierung“ hinlänglich bekannt, als Naturereignis in den Diskurs eingeführt. In der Ankündigung zur Themenwoche heißt es:

Ob wir es wahrhaben wollen oder nicht: Die Zukunft der Arbeit hat längst begonnen. Digitalisierung und Globalisierung schreiten unaufhaltsam voran. Die klassische Erwerbsarbeit des Industriezeitalters verliert an Bedeutung. „Industrie 4.0“, „Sharing-Ökonomie“ oder „Cloud-Working“ heißen die Schlagworte. Das „Internet der Dinge“ wird schon bald Produkte aus dem 3D-Drucker möglich machen, individueller und billiger als heute. Software wird Sachbearbeiter in den Büros ersetzen, Automaten werden sich selbst optimieren. Neue Plattformen und Netzwerke machen bereits jetzt jeden Autobesitzer potentiell zum Billig-Taxi-Anbieter und jeden Wohnungsbesitzer zum Vermieter von Gästezimmern. Aber wer sind bei all diesen Veränderungen eigentlich Gewinner und Verlierer? (Quelle: http://www.ard.de/home/intern/presse/pressearchiv/ARD_Themenwoche_2016___Zukunft_der_Arbeit_/3135958/index.html)

2. Der Begriff „Digitalisierung“ dient zugleich als neue Umschreibung von „Rationalisierung“ (welche das unausgesprochene Zentrum des Diskurses ist). Implizit geht es um Effizienz, Wachstum, den Einsatz von Technologie i.S. instrumenteller Vernunft. Das ökonomische Narrativ hinter der „Zukunft der Arbeit“ scheint somit dem Anschein nach nichts Neues anbieten zu können; es ist letztendlich eher Verlängerung der Gegenwart als eine irgendwie anders geartete Zukunft. Deutlich scheint mir diese Rahmung beim sogenannten „Job-Futuromat“ zu sein. Beim „Job-Futoromat“ gibt man einen Beruf an und erfährt, welche Tätigkeiten dieses Berufes heute bereits automatisiert werden können. In den Erläuterungen zum „Job-Futuromat“ wird das technisch und ökonomische Narrativ deutlich, lediglich abgeschwächt durch mögliche rechtliche Fragen oder ethische Überlegungen – eine politische Ökonomie lässt sich daraus sicher nicht gewinnen:

„Es muss aber nicht sein, dass eine Tätigkeit, die als momentan automatisierbar eingestuft wurde, in den nächsten Jahren tatsächlich automatisiert wird. Möglicherweise ist die menschliche Arbeit hier wirtschaftlicher, flexibler oder von besserer Qualität. Auch rechtliche oder ethische Hürden können einer Automatisierung entgegenstehen.“ (Quelle: http://job-futuromat.ard.de/faq.html)

3. Erscheinen einem ‚ethische Hürden‘ schon als nicht sonderlich beruhigend, erscheint mir schließlich ein weiterer Aspekt der Anrufung des Fernsehzuschauern oder des Nutzers der Online-Angebote bedeutsam. Hier gilt – wiederum bezogen auf den „Job-Futuromat“ – dass sich niemand seiner Arbeit sicher sein sollte. Wenn man etwa Hochschullehrer als Beruf angibt, wird eine null-prozentiger Grad der Automatisierbarkeit angezeigt. Aber merke auf:

Bleibt in meinem Job alles beim Alten, wenn der Grad der Automatisierbarkeit niedrig (oder 0%) ist?

Auch in Berufen mit einem niedrigen Grad der Automatisierbarkeit – selbst von 0% – ist es gut möglich, dass in Zukunft Tätigkeiten automatisierbar sein werden, von denen wir uns heute noch nicht vorstellen können, dass sie einmal von Maschinen, Robotern oder Computerprogrammen ausgeführt werden könnten. (Quelle: http://job-futuromat.ard.de/faq.html)

Damit geht es zurück zur Ausgangsrahmung. Aber keine Angst – für das verunsicherte Subjekt ist praktische Hilfe in Sicht:

Klar ist aber, dass der technische Fortschritt die Anforderungen an die menschliche Arbeit verändert. Eine kontinuierliche berufliche Weiterbildung wird daher immer wichtiger. Informationen hierzu finden Sie bei der BA. (Quelle: http://job-futuromat.ard.de/faq.html)

Neue Publikation: „Diskursanalyse in der Organisationsforschung“ nun Online

Der zusammen mit Gabriele Fassauer (TU Dresden) für das von Stefan Liebig, Wenzel Matiaske und Sophie Rosenbohm herausgegebene Handbuch Empirische Organisationsforschung verfasste Beitrag „Diskursanalyse in der Organisationsforschung“ ist nun als Online First verfügbar:

http://link.springer.com/referenceworkentry/10.1007/978-3-658-08580-3_17-1

doi:10.1007/978-3-658-08580-3_17-1

Zusammenfassung

Der Beitrag bietet einen grundlegenden Überblick über diskursanalytische Orientierungen und Perspektiven in der Organisationsforschung. Entlang der Achsen Sprachgebrauch – Ordnung des Diskurses und Deskription – Kritik werden zunächst grundlegende gegenstandsbezogene und normative Orientierungen der Diskursforschung benannt. Anschließend erfolgt eine Darstellung von Rhetorik, Gesprächsanalyse, Narrationsanalyse und kritischer Diskursanalyse als vier weitverbreiteten Perspektiven diskursanalytischer Forschung. Ein Überblick über methodische Schritte und methodische Besonderheiten diskursanalytischer Forschung beschließt den Beitrag.

 

Diskurs und Ökonomie – Teil 18: Bourdieu zur ‚ökonomischen Orthodoxie‘

„Die Schwierigkeit jedes Versuches, die Grundlagen der Ökonomie ungezwungen neu zu fassen, rührt daher, dass die ökonomische Orthodoxie heute zweifellos zu den gesellschaftlich mächtigsten Diskursen über die soziale Welt gehört, und dies namentlich deswegen, weil die mathematische Formalisierung ihr den ostentativen Anschein von Strenge und Normalität verleiht.“ (Bourdieu 1998, S. 168, Fn.5)

Zu ergänzen wäre diese Erklärung um die Performativität dieser Orthodoxie, welche die mathematische Formulierung in die sozialen Praktiken einspeist.

Quelle

Bourdieu, Pierre (1998): Das ökonomische Feld. In: Der Einzige und sein Eigenheim (Schriften zu Politik & Kultur, 3). Hamburg: VSA-Verlag , S. 162–204.

 

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‚Totholz‘ und ‚Zitronen‘ – Zur Klassifikation von Beschäftigten

Diskurs und Ökonomie – Teil 17: „Totholz“ und „Zitronen“ – zur Klassifikation von Beschäftigten

Formen der Klassifizierung und Hierarchisierung von Individuen und Gruppen gehören zu den grundlegenden diskursiven Mechanismen, welche zugleich den Zusammenhang von Macht-Wissen und Subjektivierung deutlich machen.

Instruktiv wäre in dieser Hinsicht eine Sammlung von abwertenden (und korrespondierend aufwertenden) Metaphoriken der Klassifikation von Beschäftigten hinsichtlich ihrer Leistung und die damit verschränkten unternehmerischen Praktiken. Nur zwei Beispiele:

Im Buch „Strategic management of human resources: A portfolio approach” von George Odiorne findet sich eine Klassifikation von Mitarbeitern, welche unverkennbar an die im strategischen Management geläufige Portfolio- oder BCG-Matrix angelehnt ist (das Beispiel ist entnommen aus Diaz-Bone/Krell 2015, S. 30):

HRM_Portfolio

 

 

 

 

 

 

Die Beschäftigtengruppe „Totholz“ wird hier in Beziehung gesetzt zu den „Arbeitspferden“, „Problembeschäftigten“ und natürlich den „Stars“. Das mit „totem Holz“ nicht mehr viel anzufangen ist, muss nicht eigens hervorgehoben werden.

Von „Zitronen“ sprach Jack Welsh, ehemals Chef bei General Electric, im Hinblick auf das von ihm popularisierte ‚forced ranking‘, einer ‚erzwungenen‘ Klassifikation von Beschäftigten in drei Gruppen: 20% Stars, 70% Mittelbau und 10% Zitronen. Zitronen lassen einem des öfteren das Gesicht verziehen, insofern blieb für die jeweils unteren 10% nur die Kündigung. Diese „Zitronen“ wurden analog als „low performer“, zu Deutsch „Minderleister“ bezeichnet und fanden auch unter diesem Begriff prominenten Eingang in das Feld des Human Resource Management.

Bedeutsam im Sinne des Zusammenhangs von Wissen-Macht-Subjektivierung ist die Kopplung der differenzierenden Metaphorik an Vorstellungen von Normalverteilungen bzw. Gaußschen Glockenkurven. Beim ‚forced ranking‘ wird einfach zwingend eine Normalverteilung erzeugt, da es immer jemand geben muss, der weniger leistet als andere. Wir treten hier ein in den Bereich der flexibel-normalistischen Strategien der Erzeugung von Normalität (vgl. hierzu die Arbeiten von Jürgen Link), welche nicht einfach ‚von oben‘ eine Norm vorgibt, sondern die Normalverteilung aus der forcierten Bewertung der Beschäftigten konstruiert. Das dann wieder rigide in normal und anormal unterschieden, mag zum inzwischen eher zweifelhaften Ruf des ‚forced ranking‘ beigetragen haben. Trotzdem wäre kritisch zu fragen, in welchen Gestalten wir – etwa im akademischen Bereich – inzwischen dieser Art Ranking begegnen und inwiefern wir unser Handeln an ihnen orientieren.

Quellen

Diaz-Bone, Rainer; Krell, Gertraude (Hg.) (2015): Diskurs und Ökonomie. Diskursanalytische Perspektiven auf Märkte und Organisationen. 2. Aufl. Wiesbaden: Springer VS.

 

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Selber Schuld! Das IW erklärt den Gender Pay Gap

Diskurs und Ökonomie – Teil 16: Selber schuld! Das IW erklärt den Gender Pay Gap

In die aktuelle Debatte um ein „Lohngerechtigkeitsgesetz“ hat sich nun das Institut der deutschen Wirtschaft Köln zu Wort gemeldet und sieht keinen Handlungsbedarf des Staates. Die IW Studie basiert auf einer Analyse des SOEP (Sozio-Ökonomischen Panels). Die Analyse verweist wieder einmal darauf, dass Zahlen nicht für sich sprechen, sondern ihre Bedeutung erst in der diskursiven Bearbeitung und Auseinandersetzung erhalten. Zunächst zeigt die Analyse der SOEP-Daten nichts Überraschendes. In der Pressemitteilung des IW ist zu lesen:

„Ausschlaggebend für die Lohnhöhe sind unter anderem Faktoren wie Branche und Betriebsgröße. Bereits in früheren Studien hat das IW gezeigt, dass Frauen in Hochlohnbranchen unterrepräsentiert sind und tendenziell in kleineren Betrieben arbeiten. So sind gut drei Viertel aller Stellen in den – eher niedrig entlohnten – Bereichen Erziehung und Unterricht sowie im Gesundheits- und Sozialwesen von Frauen besetzt, im – eher hoch entlohnten – Verarbeitenden Gewerbe sind es weniger als drei von zehn. Zudem nehmen Frauen seltener Führungsaufgaben wahr und arbeiten häufiger in Teilzeit als Männer.“

Nun könnte eine Diskussion beginnen – für das IW ist diese aber bereits zu Ende und wir sehen eine diskursive Schließung, welche auf Grundbestände eines neoliberalen Staats- und Ökonomieverständnisses und eines damit verschränkten Verständnisses individuellen Handelns verweist:

„Um die Lohngerechtigkeit scheint es also nicht gut bestellt zu sein – oberflächlich betrachtet. Denn bei einer genaueren Analyse zeigt sich: Die Unterschiede beim Gehalt ergeben sich vor allem aus individuellen Entscheidungen.“

Und weiter:

„Die Entscheidungen über Karriere und Familie sind jedoch rein privat.“

Hier sehen wir die Konstruktion einer „autonomen“ Subjektivität, modelliert nach dem Bild des homo oeconomicus, welche etwa im Kontext der Gouvernementalitätsstudien als neoliberale Macht- und Selbsttechnologie kritisch diskutiert wird: „Da die Wahl der Handlungsoptionen als Ausdruck eines freien Willens erscheint, haben sich die Einzelnen die Folgen ihres Handelns selbst zuzurechnen.“ (Lemke et al. 2000: 30) Dies wird auch an einem letzten Zitat aus der IW Mitteilung deutlich:

„Werden diese und weitere Parameter berücksichtigt […] verkleinert sich die gesamtwirtschaftliche Lohnlücke in Deutschland auf rund 3,8 Prozent. Sie würde noch geringer ausfallen, wäre es möglich, unterschiedliches Verhalten in Gehaltsverhandlungen und abweichende Präferenzen zu berücksichtigen.“

Die Diagnose lautet also: „Selber schuld!“ Die sogenannte „individuelle Entscheidung“ markiert die Grenze dieser ökonomischen Betrachtung des Sozialen, da diese die finale Erklärung für gesellschaftliche Zusammenhänge liefert. Letztere werden dann erfolgreich atomisiert, oder wie schon Maggie Thatcher wusste: „There is no such thing as society, only individual men and women and their families.“ Warum sollte man sich als Ökonomie dann noch mit all den zahlreichen Studien auseinandersetzen, welche sich mit geschlechtsspezifischer Diskriminierung auseinandersetzen?

Quellen

Lemke, Thomas/Krasmann, Susanne/Bröckling, Ulrich (2000): Gouvernementalität, Neoliberalismus und Selbsttechnologien. Eine Einleitung. In: Bröckling, Ulrich; Krasmann, Susanne; Lemke, Thomas (Hg.): Gouvernementalität der Gegenwart. Studien zur Ökonomisierung des Sozialen. Frankfurt am Main: Suhrkamp, S.7-40.

Link zur IW Pressemitteilung: http://www.iwkoeln.de/presse/pressemitteilungen/beitrag/lohnluecke-der-staat-muss-nicht-handeln-286778

 

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Im TTIP-Leseraum

Zombiefabriken

New Publication: Grey/Huault/Perret/Taskin (Eds.) (2016): Critical Management Studies: Global voices, local accents

Abstract

Critical Management Studies (CMS) is often dated from the publication of an edited volume bearing that name (Alvesson and Willmott, 1992). In the two decades that have followed, CMS has been remarkably successful in establishing itself not just as a ‘term’ but as a recognizable tradition or approach. The emerging status of CMS as an overall approach has been both encouraged and marked by a growing range of handbooks, readers and textbooks. Yet the literature is dominated by writings from the UK and Scandinavia in particular, and the tendency is to treat this literature as constituting CMS. However, the meaning, practice, constraints and context of CMS vary considerably between different countries, cultures and language communities. This volume surveys fourteen various countries and regions where CMS has acquired some following and seeks to explore the different ways in which CMS is understood and the different contexts within which it operates, as well as its possible future development.

Table of content and intro:

https://www.routledge.com/products/9780415749497

It was a honour to contribute to this volume with a chapter on „Critical Scholarship in Management and Organization Studies in German-speaking Countries: An Overview and Historical Reconstruction“. Beside a short overview about critical scholarship I focus on three distinct strands of thinking: ‘labour-oriented business administration’ (Arbeitsorientierte Einzelwirtschaftslehre), the ‘critique of the political economy of organisation’ (Klaus Türk), and the development of gender studies, exemplified through the pioneering work of Gertraude Krell. The chapter ends up with some general reflections about some discursive mechanism of the exclusion of critical thinking, that is the distinction between truth and ideology, a rejection of societal issues and the questioning of legitimate authorship.

Diskurs und Ökonomie – Teil 15: Zombie-Fabriken

Im allerersten Beitrag dieser Reihe habe ich mich mit der Symbolik der sogenannten Zombie-Banken beschäftigt. Mehrere einfache assoziative Aspekte schienen hierbei wichtig. Zombie-Banken sind:

  1. bedrohlich
  2. mit eigenen Kräften begabte Wesen
  3. schwer zu bekämpfen und
  4. ein finales Ableben einer Zombie-Bank erscheint als noch stärkere Bedrohung als die Existenz einer Zombie-Bank selbst.

Nun ist festzuhalten, dass die Zombiebank nicht die einzige interdiskursive Verknüpfung des Reichs der Untoten mit dem Reich der Ökonomie darstellt. Am 1.03.2016 war auf Spiegel Online von den Zombie-Fabriken die Rede:

Chinas Fabriken produzieren zu viel. Viele Staatsunternehmen werden nur noch künstlich mit Krediten am Leben erhalten. Nun will die Regierung gegensteuern: Fünf bis sechs Millionen Arbeiter in solchen „Zombie-Fabriken“ sollen in den kommenden drei Jahren entlassen werden, berichtet die Nachrichtenagentur Reuters unter Berufung auf zwei regierungsnahe Quellen. (Quelle: http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/zombie-fabriken-china-entlaesst-angeblich-fuenf-millionen-arbeiter-a-1079967.html, letzter Zugriff: 14.03.2016)

Noch drastischer in der Diktion nimmt sich einen Tag später die Meldung auf DRadio Wissen aus:

Zombies sind hässlich, gefährlich und weitgehend nutzlos. Ebenso wie viele Firmen in China. Jetzt nimmt die Volksrepublik den Kampf gegen die Zombie-Firmen auf.

Sie haben eigentlich überhaupt keine Chance zu überleben. Sie produzieren viel zu viel, sie haben wahnsinnig viele Angestellte, die eigentlich gar nichts zu tun haben, diese Unternehmen sind überhaupt nicht profitabel. Sie werden künstlich mit Krediten am (Un)Leben gehalten. Zombie-Firmen eben. Vor allem die klassischen Industrieunternehmen sind betroffen: Stahl, Kohle, Zement und so weiter. (Quelle: http://dradiowissen.de/beitrag/china-wirtschaft-mit-zombie-fabriken, letzter Zugriff: 14.03.2016)

Nun taucht hier etwas Neues in der Anrufung des Zombies auf, was beim ersten Nachdenken über die Zombie-Bank so nicht deutlich war und womöglich auch dort nicht konnotiert ist. Die Zombie-Fabrik oder Zombie-Firma erscheint hier als das Andere eines mitgemeinten vitalen Kapitalismus. Die Zombie-Fabrik fungiert als ‚konstitutives Außen‘ entlang einer Reihe von Grenzziehungen (Staat – Markt, künstlich – natürlich, aufgebläht – schlank, Nichtstun – Fleiß, unprofitabel – profitabel). Da kann man auch mal 5-6 Millionen Menschen entlassen.

Was sich hier schließlich ideologiekritisch diskutieren lässt, ist die verschleiernde Funktion des ‚konstitutiven Außen‘, gerade indem die Zombie-Fabrik einem lebendigen Kapitalismus entgegengesetzt wird. Damit kommen wir abschließend zu einem anderen Theoretiker des Untoten, nämlich Marx. Nicht vom Zombie, aber vom vampirmäßigen ist dann die Rede – dieses herrscht gleichwohl im Innenraum des Kapitalismus:

„Das Kapital ist verstorbne Arbeit, die sich nur vampirmäßig belebt durch Einsaugung lebendiger Arbeit und um so mehr lebt, je mehr sie davon einsaugt.“ – Das Kapital. Band 1, MEW 23, S. 247

 

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Im TTIP-Leseraum

Diskurs und Ökonomie – Teil 14: Im TTIP-Leseraum

„Ich setze voraus, daß in jeder Gesellschaft die Produktion des Diskurses zugleich kontrolliert, selektiert, organisiert und kanalisiert wird – und zwar durch gewisse Prozeduren, deren Aufgabe es ist, die Kräfte und Gefahren des Diskurses zu bändigen, sein unberechenbar Ereignishaftes zu bannen, seine schwere und bedrohliche Materialität zu umgehen.“ (Foucault, Die Ordnung des Diskurses, S.10f.)

Es ist auf den ersten Blick zunächst beruhigend, dass die Analyse des Zusammenhangs von Wissen/Macht nicht notwendig subtil sein muss. Berechtigterweise hat man sich in poststrukturalistischer Perspektive den subtilen Mechanismen der Unterwerfung zugewandt, welche oftmals im Gewand der Freiheit erscheinen. Verfolgt man die Meldungen über den nun in Berlin eingerichteten TTIP-Leseraum, findet man sich wieder mittendrin in der Disziplinargesellschaft mit ihrer Programmatik der Klausur und der Parzellierung: kein Handy, kein Netz, Zutritt für zwei Stunden, Schreibmaterial wird bereitgestellt, ein Redeverbot über das Gelesene, kein nachträglicher Austausch mit Experten. Die Bezeichnung Leseraum trifft all dies schon recht gut und erinnert auch an die klösterlichen Bezüge der Disziplinargesellschaft (einer der Abgeordneten fand es auch gut, einmal für zwei Stunden sein Handy abgeben zu müssen).

Die Berichte über den Leseraum wecken dann auch weiter Assoziationen an Umberto Ecos Der Name der Rose. So droht dem-/derjenigen Strafe, welche(r) darüber spricht, was er/sie im Leseraum gelesen hat – ich hoffe natürlich nicht, dass diese Strafe Eco’sche Dimensionen hat. Auch weckt das geheimnisvolle Prozedere gerade den Verdacht, dass von der Lektüre und dem Sprechen darüber Gefahr ausgeht – „Das böse Buch wird noch gesucht, wir lesen es gern“ (Tocotronic).

Was nun auf den zweiten Blick beunruhigend ist, ist die Offenheit, mit der die disziplinarischen Mechanismen bekanntgegeben werden oder sogar als neue Form der Transparenz bezeichnet werden, da es einen derartigen Leseraum bei vorherigen Abkommen so nicht gab. Es ist beunruhigend, da es gerade nicht subtil ist beziehungsweise gar nicht erst um Subtilität bezüglich der Kontrolle des Diskurses bemüht ist. Möglicherweise steht der TTIP Leseraum – ideologiekritisch gewendet – dann für das, was bei Sloterdijk einmal das ‚zynische Bewusstsein‘, ein gewissermaßen ‚vollends aufgeklärtes Bewusstsein‘ genannt wurde: Sie wissen sehr gut, wie möglicherweise lächerlich und kritikwürdig dies alles erscheinen mag, aber Sie tun es trotzdem.

 

 

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