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Kapitalismus als frustrationsgetriebene Utopie, oder: „The American Way of Scheitern“

In der ZEIT vom 11.November 2010 diskutiert Boris Groys den nach der Finanzkrise durchaus paradox erscheinenden Aufstieg des „radikalsten Kapitalismus aller Zeiten“. Zwar insb. auf die Vereinigten Staaten bezogen, weist die Diagnose doch auf zwei  möglicherweise grundlegende Mechanismen neoliberaler Gouvernementalität hin:

1) die Logik des ’noch nicht‘ (es ist nie zuviel Markt, Unternehmertum, Wettbewerb); bezogen auf das „unternehmerische Selbst“ wurde dies von Ulrich Bröckling luzide analysiert.

2) die Logik des ’nicht scheitern können‘; da nach 1) der Markt ja noch gar nicht realisiert ist, kann man ihm kaum ein Scheitern unterstellen; ein (vermeintlicher) ‚Marktversagen‘ hat seine Ursache immer in einem vorgängigen ‚Staatsversagen‘.

Groys schreibt:

„[I]n einem weit größeren Ausmaß wurde durch die Krise die radikale Kapitalismusaffirmation gestärkt. […] Fast möchte man sagen, dass sich der real existierende Kapitalismus im Moment seiner tiefsten Krise aus der ökonomisch-politischen Realität ins Reich der reinen Ideen geflüchtet hat. […] Der Kapitalismus kann keine Krise haben, weil er bloß ein Projekt, eine Hoffnung, eine Ideologie ist. Die heutige Krise ist vielmehr eine Krise des Staates, der den Kapitalismus durch Regulierung unterdrückt – und der auch jetzt, wo er praktisch kollabiert ist, an seiner Macht klebt und den Sieg der kapitalistischen Utopie verhindert.“

Diskussionswürdig ist schließlich auch die auf den Film ‚Social Network‘ bezogene Diagnose:

„In der aktuellen Phase des Kapitalismus erkennt man in der erotischen und sozialen Frustration [etwa des Facebook-Gründers Zuckerberg, R.H.] die einzig verbliebene ökonomische Kraft.“