{"id":1709,"date":"2016-06-17T10:48:15","date_gmt":"2016-06-17T08:48:15","guid":{"rendered":"http:\/\/www.kritische-organisationsforschung.de\/?p=1709"},"modified":"2016-06-17T10:48:15","modified_gmt":"2016-06-17T08:48:15","slug":"diskurs-und-oekonomie-teil-16-selber-schuld-das-iw-erklaert-den-gender-pay-gap","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.kritische-organisationsforschung.de\/?p=1709","title":{"rendered":"Diskurs und \u00d6konomie \u2013 Teil 16: Selber schuld! Das IW erkl\u00e4rt den Gender Pay Gap"},"content":{"rendered":"<p>In die aktuelle Debatte um ein \u201eLohngerechtigkeitsgesetz\u201c hat sich nun das Institut der deutschen Wirtschaft K\u00f6ln zu Wort gemeldet und sieht keinen Handlungsbedarf des Staates. Die IW Studie basiert auf einer Analyse des SOEP (Sozio-\u00d6konomischen Panels). Die Analyse verweist wieder einmal darauf, dass Zahlen nicht f\u00fcr sich sprechen, sondern ihre Bedeutung erst in der diskursiven Bearbeitung und Auseinandersetzung erhalten. Zun\u00e4chst zeigt die Analyse der SOEP-Daten nichts \u00dcberraschendes. In der Pressemitteilung des IW ist zu lesen:<\/p>\n<p>\u201eAusschlaggebend f\u00fcr die Lohnh\u00f6he sind unter anderem Faktoren wie Branche und Betriebsgr\u00f6\u00dfe. Bereits in fr\u00fcheren Studien hat das IW gezeigt, dass Frauen in Hochlohnbranchen unterrepr\u00e4sentiert sind und tendenziell in kleineren Betrieben arbeiten. So sind gut drei Viertel aller Stellen in den \u2013 eher niedrig entlohnten \u2013 Bereichen Erziehung und Unterricht sowie im Gesundheits- und Sozialwesen von Frauen besetzt, im \u2013 eher hoch entlohnten \u2013 Verarbeitenden Gewerbe sind es weniger als drei von zehn. Zudem nehmen Frauen seltener F\u00fchrungsaufgaben wahr und arbeiten h\u00e4ufiger in Teilzeit als M\u00e4nner.\u201c<\/p>\n<p>Nun k\u00f6nnte eine Diskussion beginnen \u2013 f\u00fcr das IW ist diese aber bereits zu Ende und wir sehen eine diskursive Schlie\u00dfung, welche auf Grundbest\u00e4nde eines neoliberalen Staats- und \u00d6konomieverst\u00e4ndnisses und eines damit verschr\u00e4nkten Verst\u00e4ndnisses individuellen Handelns verweist:<\/p>\n<p>\u201eUm die Lohngerechtigkeit scheint es also nicht gut bestellt zu sein \u2013 oberfl\u00e4chlich betrachtet. Denn bei einer genaueren Analyse zeigt sich: Die Unterschiede beim Gehalt ergeben sich vor allem aus individuellen Entscheidungen.\u201c<\/p>\n<p>Und weiter:<\/p>\n<p>\u201eDie Entscheidungen \u00fcber Karriere und Familie sind jedoch rein privat.\u201c<\/p>\n<p>Hier sehen wir die Konstruktion einer \u201eautonomen\u201c Subjektivit\u00e4t, modelliert nach dem Bild des homo oeconomicus, welche etwa im Kontext der Gouvernementalit\u00e4tsstudien als neoliberale Macht- und Selbsttechnologie kritisch diskutiert wird: \u201eDa die Wahl der Handlungsoptionen als Ausdruck eines freien Willens erscheint, haben sich die Einzelnen die Folgen ihres Handelns selbst zuzurechnen.\u201c (Lemke et al. 2000: 30) Dies wird auch an einem letzten Zitat aus der IW Mitteilung deutlich:<\/p>\n<p>\u201eWerden diese und weitere Parameter ber\u00fccksichtigt [\u2026] verkleinert sich die gesamtwirtschaftliche Lohnl\u00fccke in Deutschland auf rund 3,8 Prozent. Sie w\u00fcrde noch geringer ausfallen, w\u00e4re es m\u00f6glich, unterschiedliches Verhalten in Gehaltsverhandlungen und abweichende Pr\u00e4ferenzen zu ber\u00fccksichtigen.\u201c<\/p>\n<p>Die Diagnose lautet also: \u201eSelber schuld!\u201c Die sogenannte \u201eindividuelle Entscheidung\u201c markiert die Grenze dieser \u00f6konomischen Betrachtung des Sozialen, da diese die finale Erkl\u00e4rung f\u00fcr gesellschaftliche Zusammenh\u00e4nge liefert. Letztere werden dann erfolgreich atomisiert, oder wie schon Maggie Thatcher wusste: \u201eThere is no such thing as society, only individual men and women and their families.\u201c Warum sollte man sich als \u00d6konomie dann noch mit all den zahlreichen Studien auseinandersetzen, welche sich mit geschlechtsspezifischer Diskriminierung auseinandersetzen?<\/p>\n<p><strong>Quellen<\/strong><\/p>\n<p>Lemke, Thomas\/Krasmann, Susanne\/Br\u00f6ckling, Ulrich (2000): Gouvernementalit\u00e4t, Neoliberalismus und Selbsttechnologien. Eine Einleitung. In: Br\u00f6ckling, Ulrich; Krasmann, Susanne; Lemke, Thomas (Hg.): Gouvernementalit\u00e4t der Gegenwart. Studien zur \u00d6konomisierung des Sozialen. Frankfurt am Main: Suhrkamp, S.7-40.<\/p>\n<p>Link zur IW Pressemitteilung: http:\/\/www.iwkoeln.de\/presse\/pressemitteilungen\/beitrag\/lohnluecke-der-staat-muss-nicht-handeln-286778<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Diskurs und \u00d6konomie \u2013 \u00c4ltere Beitr\u00e4ge:<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.kritische-organisationsforschung.de\/?p=1408\">Zombiebanken<\/a><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.kritische-organisationsforschung.de\/?p=1416\">Virus<\/a><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.kritische-organisationsforschung.de\/?p=1421\">Kernschmelze<\/a><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.kritische-organisationsforschung.de\/?p=1427\">Gaspedal und Handbremse<\/a><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.kritische-organisationsforschung.de\/?p=1463\">\u201eBei aller Wertsch\u00e4tzung f\u00fcr ihre t\u00e4gliche Arbeit\u201c, oder: Arbeitsk\u00e4mpfe als \u201adiskursive K\u00e4mpfe\u2018<\/a><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.kritische-organisationsforschung.de\/?p=1474\">Klettertour und Basislager<\/a><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.kritische-organisationsforschung.de\/?p=1484\">Anlegerstreik<\/a><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.kritische-organisationsforschung.de\/?p=1491\">Schwan vs. Sinn, oder: in Verteidigung der Reinheit der \u00d6konomie<\/a><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.kritische-organisationsforschung.de\/?p=1545\">\u201eDie Athener Rasselbande\u201c<\/a><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.kritische-organisationsforschung.de\/?p=1616\">Talfahrt<\/a><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.kritische-organisationsforschung.de\/?p=1620\">Blase(n)<\/a><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.kritische-organisationsforschung.de\/?p=1633\">Industrie 4.0<\/a><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.kritische-organisationsforschung.de\/?p=1642\">Im TTIP-Leseraum<\/a><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.kritische-organisationsforschung.de\/?p=1653\">Zombiefabriken<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In die aktuelle Debatte um ein \u201eLohngerechtigkeitsgesetz\u201c hat sich nun das Institut der deutschen Wirtschaft K\u00f6ln zu Wort gemeldet und sieht keinen Handlungsbedarf des Staates. 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