{"id":1840,"date":"2017-01-09T16:38:57","date_gmt":"2017-01-09T14:38:57","guid":{"rendered":"http:\/\/www.kritische-organisationsforschung.de\/?p=1840"},"modified":"2017-01-09T16:38:57","modified_gmt":"2017-01-09T14:38:57","slug":"diskurs-und-oekonomie-20-baudrillard-zu-dieselgate-oder-skandale-als-simulation-oekonomischer-moral","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.kritische-organisationsforschung.de\/?p=1840","title":{"rendered":"Diskurs und \u00d6konomie #20: Baudrillard zu Dieselgate, oder: Skandale als Simulation \u00f6konomischer Moral"},"content":{"rendered":"<p>Die Aff\u00e4re um manipulierte Abgaswerte besch\u00e4ftigt die \u00d6ffentlichkeit mit wechselnder Aufmerksamkeit schon recht lange. Berechtigterweise fordert man (zumindest gelegentlich) strengere Kontrollen, Tests unter \u201arealistischen\u2018 Bedingungen, Entsch\u00e4digungen etc.<\/p>\n<p>Mit Baudrillard l\u00e4sst sich nun dieser Skandal (und mithin weitere Skandale im \u00f6konomischen und politischen Kontext) einmal hinsichtlich seiner grunds\u00e4tzlichen Funktion f\u00fcr die Stabilisierung von \u00d6konomie (und Politik) befragen. Baudrillard nimmt in die \u201aAgonie des Realen\u2018 konkret Bezug auf Watergate und wir k\u00f6nnen an dieser Stelle und versuchsweise einfach einmal ein anderes Gate setzen:<\/p>\n<p>\u201eDie \u00f6ffentliche Anprangerung des Skandals ist stets eine Huldigung an das Gesetz. Und mit Watergate [Dieselgate, R.H.] ist es vor allem gelungen, den Eindruck zu erwecken, da\u00df es tats\u00e4chlich einen Skandal gegeben hat \u2013 in diesem Sinne war die Aff\u00e4re eine ungeheure Vergiftungsoperation. Man hat der Gesellschaft wieder eine ordentliche Dosis politischer [\u00f6konomischer, R.H.] Moral injiziert.\u201c (Die Pr\u00e4zession der Simulakra. In: Agonie des Realen, Merve 1978, S. 26f.)<\/p>\n<p>Und weiter:<\/p>\n<p>\u201eAlles, was das Kapital von uns verlangt, ist, da\u00df wir es f\u00fcr rational halten oder es im Namen der Rationalit\u00e4t bek\u00e4mpfen, da\u00df wir es f\u00fcr moralisch halten oder im Namen einer Moral bek\u00e4mpfen. Denn im Grunde gibt es zwei Lesarten f\u00fcr ein und dieselbe Sache: fr\u00fcher bem\u00fchte man sich einen Skandal zu dissimulieren [zu verheimlichen, R.H.] \u2013 heute bem\u00fcht man sich zu verbergen, da\u00df es keiner ist.\u201c (Die Pr\u00e4zession der Simulakra. In: Agonie des Realen, Merve 1978, S. 27f.)<\/p>\n<p>In der Perspektive Baudrillards erscheint Dieselgate dann als \u201aFalle\u2018, als \u201aAblenkungsman\u00f6ver\u2018, welche eine wirkliche \/ reale Moralit\u00e4t des \u00d6konomischen behauptet (oder einfordert), welche de facto sowieso nicht vorhanden ist. Skandale als Simulation \u00f6konomischer Moral oder \u00f6konomischer Rationalit\u00e4t.<\/p>\n<p>Das Baudrillards These \u2013 vorsichtig formuliert &#8211; wenig optimistisch hinsichtlich der M\u00f6glichkeit der Ver\u00e4nderung \u00f6konomischer Praktiken stimmt, sollte nicht dazu verleiten, diese vorschnell als \u00fcberspitzt zu bezeichnen. Ist in Krisen- und Skandaldiskursen doch auch immer wieder die Rede von den Selbstheilungs- und Selbstreinigungskr\u00e4ften des Marktes, welche m\u00f6glicherweise nichts weiter als die (im Sinne Baudrillards) Simulation und Unterstellung von Rationalit\u00e4t oder Moral anzeigen, welche nun bedauerlicherweise und gerade in dieser Krise suspendiert waren. In der d\u00fcsteren (?) Lesart Baudrillards gibt es einfach nichts, was h\u00e4tte suspendiert werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Aber: L\u00e4sst sich Baudrillards These aus den 1970er Jahren im Hinblick auf die Ph\u00e4nomene des Whistleblowing der letzten Jahre so einfach \u00fcbertragen? Woher kommt dann all die Energie, Whistbleblowing so energisch zu bek\u00e4mpfen und deren Protagonist_innen ruhigzustellen? Und schlie\u00dflich (und hierzu kontr\u00e4r): Bedarf es \u00fcberhaupt noch dieser Logik und Funktion des Skandals? Zeigen nicht die Absatzzahlen von VW, dass \u201aman\u2018 \u201aaugenzwinkernd\u2018 doch \u201aeigentlich\u2018 sowieso Bescheid wei\u00df?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Diskurs und \u00d6konomie \u2013 \u00c4ltere Beitr\u00e4ge:<\/strong><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.kritische-organisationsforschung.de\/?p=1408\">Zombiebanken<\/a><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.kritische-organisationsforschung.de\/?p=1416\">Virus<\/a><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.kritische-organisationsforschung.de\/?p=1421\">Kernschmelze<\/a><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.kritische-organisationsforschung.de\/?p=1427\">Gaspedal und Handbremse<\/a><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.kritische-organisationsforschung.de\/?p=1463\">\u201eBei aller Wertsch\u00e4tzung f\u00fcr ihre t\u00e4gliche Arbeit\u201c, oder: Arbeitsk\u00e4mpfe als \u201adiskursive K\u00e4mpfe\u2018<\/a><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.kritische-organisationsforschung.de\/?p=1474\">Klettertour und Basislager<\/a><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.kritische-organisationsforschung.de\/?p=1484\">Anlegerstreik<\/a><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.kritische-organisationsforschung.de\/?p=1491\">Schwan vs. Sinn, oder: in Verteidigung der Reinheit der \u00d6konomie<\/a><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.kritische-organisationsforschung.de\/?p=1545\">\u201eDie Athener Rasselbande\u201c<\/a><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.kritische-organisationsforschung.de\/?p=1616\">Talfahrt<\/a><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.kritische-organisationsforschung.de\/?p=1620\">Blase(n)<\/a><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.kritische-organisationsforschung.de\/?p=1633\">Industrie 4.0<\/a><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.kritische-organisationsforschung.de\/?p=1642\">Im TTIP-Leseraum<\/a><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.kritische-organisationsforschung.de\/?p=1709\">Selber Schuld! Das IW erkl\u00e4rt den Gender Pay Gap<\/a><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.kritische-organisationsforschung.de\/?p=1744\">&#8218;Totholz&#8216; und &#8218;Zitronen&#8216; &#8211; Zur Klassifikation von Besch\u00e4ftigten<\/a><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.kritische-organisationsforschung.de\/?p=1756\">Bourdieu zur \u00f6konomischen Orthodoxie<\/a><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.kritische-organisationsforschung.de\/?p=1823\">Geldschleusen und zu flutende M\u00e4rkte<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Aff\u00e4re um manipulierte Abgaswerte besch\u00e4ftigt die \u00d6ffentlichkeit mit wechselnder Aufmerksamkeit schon recht lange. 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