{"id":1633,"date":"2016-02-18T00:56:30","date_gmt":"2016-02-17T22:56:30","guid":{"rendered":"http:\/\/www.kritische-organisationsforschung.de\/?p=1633"},"modified":"2016-02-18T00:56:30","modified_gmt":"2016-02-17T22:56:30","slug":"diskurs-und-oekonomie-teil-13-industrie-4-0","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.kritische-organisationsforschung.de\/?p=1633","title":{"rendered":"Diskurs und \u00d6konomie \u2013 Teil 13: Industrie 4.0"},"content":{"rendered":"<p>Industrie 4.0 ist in aller Munde. Im 2013 verfassten Abschlussbericht des Arbeitskreises Industrie 4.0 ist zu lesen, dass \u201e[w]ie kein anderes Land \u2026 Deutschland bef\u00e4\u00adhigt [ist], die Potenziale einer neuen Form der Industriali\u00adsierung zu erschlie\u00dfen: <strong>Industrie 4.0<\/strong>. Nach Mechanisierung, Elektrifizierung und Informati\u00adsierung der Industrie l\u00e4utet der Einzug des Internets der Dinge und Dienste in die Fabrik eine 4. Industrielle Revolution ein\u201c (Promotorengruppe Kommunikation der Forschungsunion Wirtschaft \u2013 Wissenschaft (Hg.) (2013: Umsetzungsempfehlungen f\u00fcr das Zukunftsprojekt Industrie 4.0. Abschlussbericht des Arbeitskreises Industrie 4.0, S. 5. <a href=\"https:\/\/www.bmbf.de\/files\/Umsetzungsempfehlungen_Industrie4_0.pdf\">https:\/\/www.bmbf.de\/files\/Umsetzungsempfehlungen_Industrie4_0.pdf<\/a>).<\/p>\n<p>Die suggestive Kraft der Formel Industrie 4.0 liegt wohl in erster Linie in der Metaphorik begr\u00fcndet, welche interdiskursiv sich aus dem doch recht jungen Feld der Softwareentwicklung speist. Die Mechanisierung mit Wasser- und Dampfkraft retrospektiv als Industrie 1.0 und die Massenfertigung als Industrie 2.0 zu bezeichnen w\u00e4re eigentlich konsequent, w\u00fcrde gleichwohl seltsam anmuten. Die n\u00e4chste industrielle Revolution erscheint als Update des Betriebssystems. Da Updates nicht immer reibungslos verlaufen, stellen sich hier nat\u00fcrlich eine Reihe von Herausforderungen. Nimmt man die Metaphorik ernst, bleibt dennoch das optimistische Bild eines gesellschaftlichen Voranschreitens bzw. Fortschritts (Fehler der alten Version wurden beseitigt, die Benutzeroberfl\u00e4che wurde verbessert und \u00e4hnliches mehr) und einer recht ger\u00e4uschlosen \u201aRevolution\u2018.<\/p>\n<p>Die Rede von der Industrie 4.0 l\u00e4sst auch an eine erheblich \u00e4ltere Diskussion zum Thema \u201eSp\u00e4tkapitalismus oder Industriegesellschaft\u201c auf dem Soziologentag im Jahr 1968 denken. Adornos Einleitungsvortrag nimmt diese damalige Kontroverse auf und konstatiert, dass diese \u201ewesentlich eine \u00fcber die Deutung\u201c sei (Adorno 1968, S. 356). In den \u201eKategorien der kritisch-dialektischen Theorie\u201c ist der Befund f\u00fcr Adorno recht eindeutig. So ist \u201edie gegenw\u00e4rtige Gesellschaft durchaus Industriegesellschaft \u2026 nach dem Stand der Produktivkr\u00e4fte\u201c (S. 361). Zugleich \u201eist die Gesellschaft Kapitalismus in ihren Produktionsverh\u00e4ltnissen. [\u2026] Produziert wird heute wie ehedem um des Profits willen\u201c (ebd.).<\/p>\n<p>Aus einer diskurskritischen Perspektive ist nun interessant, dass der \u201eTerminus Industriegesellschaft\u201c suggeriert, dass \u201edas Wesen der Gesellschaft geradenwegs aus dem Stand der Produktivkr\u00e4fte, unabh\u00e4ngig von deren gesellschaftlichen Bedingungen\u201c folgt (ebd., S. 364). \u00dcbertragen auf den Diskurs \u00fcber die Industrie 4.0 kann insofern gefragt werden, was dort eigentlich nicht thematisiert wird bzw. mit thematisiert werden sollte. Gleichwohl ist bezeichnend, dass der Diskurs nicht nur auf die Informatisierung der Fertigungstechnik abstellt, sondern mehr oder weniger alle dr\u00e4ngenden Fragen, kurzum das \u201aWesen der Gesellschaft\u2018 gleich mit verhandelt. Industrie 4.0 erweist sich dann als der Universalschl\u00fcssel f\u00fcr die L\u00f6sung dieser Fragen:<\/p>\n<p>\u201eIndustrie 4.0 leistet dar\u00fcber hinaus einen Beitrag zur <strong>Bew\u00e4ltigung aktueller Herausforderungen <\/strong>wie Ressourcen- und Energieeffizienz, urbane Produktion und demografischer Wandel. <strong>Ressourcenproduktivi\u00adt\u00e4t <\/strong>und <strong>-effizienz <\/strong>lassen sich in Industrie 4.0 fortlau\u00adfend und \u00fcber das gesamte Wertsch\u00f6pfungsnetzwerk hinweg verbessern. Arbeit kann <strong>demografie-sensi\u00adbel <\/strong>und sozial gestaltet werden. Die Mitarbeiter k\u00f6n\u00adnen sich dank intelligenter Assistenzsysteme auf die kreativen, wertsch\u00f6pfenden T\u00e4tigkeiten konzentrieren und werden von Routineaufgaben entlastet. Ange\u00adsichts eines drohenden Fachkr\u00e4ftemangels kann auf diese Weise die Produktivit\u00e4t \u00e4lterer Arbeitnehmer in einem l\u00e4ngeren Arbeitsleben erhalten werden. Die fle\u00adxible Arbeitsorganisation erm\u00f6glicht es den Mitarbei\u00adtern, Beruf und Privatleben sowie Weiterbildung bes\u00adser miteinander zu kombinieren und erh\u00f6ht die <strong><em>Work-Life-Balance<\/em><\/strong>.\u201c (Promotorengruppe Kommunikation der Forschungsunion Wirtschaft \u2013 Wissenschaft (Hg.) (2013): Umsetzungsempfehlungen f\u00fcr das Zukunftsprojekt Industrie 4.0. Abschlussbericht des Arbeitskreises Industrie 4.0, S. 5. <a href=\"https:\/\/www.bmbf.de\/files\/Umsetzungsempfehlungen_Industrie4_0.pdf\">https:\/\/www.bmbf.de\/files\/Umsetzungsempfehlungen_Industrie4_0.pdf<\/a>).<\/p>\n<p>Weitere Quellen:<\/p>\n<p>Adorno, Theodor W. (1968): Sp\u00e4tkapitalismus oder Industriegesellschaft? In: Soziologische Schriften I. Frankfurt\/Main: Suhrkamp, S. 354-370.<\/p>\n<p>Hier noch der obligatorische Verweis auf die bisherigen Beitr\u00e4ge in dieser Rubrik:<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.kritische-organisationsforschung.de\/?p=1408\">Zombiebanken<\/a><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.kritische-organisationsforschung.de\/?p=1416\">Virus<\/a><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.kritische-organisationsforschung.de\/?p=1421\">Kernschmelze<\/a><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.kritische-organisationsforschung.de\/?p=1427\">Gaspedal und Handbremse<\/a><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.kritische-organisationsforschung.de\/?p=1463\">\u201eBei aller Wertsch\u00e4tzung f\u00fcr ihre t\u00e4gliche Arbeit\u201c, oder: Arbeitsk\u00e4mpfe als \u201adiskursive K\u00e4mpfe\u2018<\/a><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.kritische-organisationsforschung.de\/?p=1474\">Klettertour und Basislager<\/a><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.kritische-organisationsforschung.de\/?p=1484\">Anlegerstreik<\/a><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.kritische-organisationsforschung.de\/?p=1491\">Schwan vs. Sinn, oder: in Verteidigung der Reinheit der \u00d6konomie<\/a><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.kritische-organisationsforschung.de\/?p=1545\">\u201eDie Athener Rasselbande\u201c<\/a><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.kritische-organisationsforschung.de\/?p=1616\">Talfahrt<\/a><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.kritische-organisationsforschung.de\/?p=1620\">Blase(n)<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Industrie 4.0 ist in aller Munde. Im 2013 verfassten Abschlussbericht des Arbeitskreises Industrie 4.0 ist zu lesen, dass \u201e[w]ie kein anderes Land \u2026 Deutschland bef\u00e4\u00adhigt [ist], die Potenziale einer neuen Form der Industriali\u00adsierung zu&#46;&#46;&#46;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":""},"categories":[1],"tags":[13,46,22,11],"jetpack_featured_media_url":"","yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v14.4.1 - https:\/\/yoast.com\/wordpress\/plugins\/seo\/ -->\n<title>Diskurs und \u00d6konomie \u2013 Teil 13: Industrie 4.0 - Kritische Organisationsforschung<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow\" \/>\n<meta name=\"googlebot\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<meta name=\"bingbot\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"http:\/\/www.kritische-organisationsforschung.de\/?p=1633\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Diskurs und \u00d6konomie \u2013 Teil 13: Industrie 4.0 - Kritische Organisationsforschung\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Industrie 4.0 ist in aller Munde. Im 2013 verfassten Abschlussbericht des Arbeitskreises Industrie 4.0 ist zu lesen, dass \u201e[w]ie kein anderes Land \u2026 Deutschland bef\u00e4\u00adhigt [ist], die Potenziale einer neuen Form der Industriali\u00adsierung zu&#046;&#046;&#046;\" \/>\n<meta property=\"og:url\" content=\"http:\/\/www.kritische-organisationsforschung.de\/?p=1633\" \/>\n<meta property=\"og:site_name\" content=\"Kritische Organisationsforschung\" \/>\n<meta property=\"article:published_time\" content=\"2016-02-17T22:56:30+00:00\" \/>\n<meta name=\"twitter:card\" content=\"summary_large_image\" \/>\n<script type=\"application\/ld+json\" class=\"yoast-schema-graph\">{\"@context\":\"https:\/\/schema.org\",\"@graph\":[{\"@type\":\"WebSite\",\"@id\":\"https:\/\/www.kritische-organisationsforschung.de\/#website\",\"url\":\"https:\/\/www.kritische-organisationsforschung.de\/\",\"name\":\"Kritische Organisationsforschung\",\"description\":\"a personal blog dedicated to the critical analysis of management, work and organization\",\"publisher\":{\"@id\":\"https:\/\/www.kritische-organisationsforschung.de\/#\/schema\/person\/af21231552ccb9e72e80be428f3eb39d\"},\"potentialAction\":[{\"@type\":\"SearchAction\",\"target\":\"https:\/\/www.kritische-organisationsforschung.de\/?s={search_term_string}\",\"query-input\":\"required name=search_term_string\"}],\"inLanguage\":\"de\"},{\"@type\":\"WebPage\",\"@id\":\"http:\/\/www.kritische-organisationsforschung.de\/?p=1633#webpage\",\"url\":\"http:\/\/www.kritische-organisationsforschung.de\/?p=1633\",\"name\":\"Diskurs und \\u00d6konomie \\u2013 Teil 13: Industrie 4.0 - Kritische Organisationsforschung\",\"isPartOf\":{\"@id\":\"https:\/\/www.kritische-organisationsforschung.de\/#website\"},\"datePublished\":\"2016-02-17T22:56:30+00:00\",\"dateModified\":\"2016-02-17T22:56:30+00:00\",\"inLanguage\":\"de\",\"potentialAction\":[{\"@type\":\"ReadAction\",\"target\":[\"http:\/\/www.kritische-organisationsforschung.de\/?p=1633\"]}]},{\"@type\":\"Article\",\"@id\":\"http:\/\/www.kritische-organisationsforschung.de\/?p=1633#article\",\"isPartOf\":{\"@id\":\"http:\/\/www.kritische-organisationsforschung.de\/?p=1633#webpage\"},\"author\":{\"@id\":\"https:\/\/www.kritische-organisationsforschung.de\/#\/schema\/person\/af21231552ccb9e72e80be428f3eb39d\"},\"headline\":\"Diskurs und \\u00d6konomie \\u2013 Teil 13: Industrie 4.0\",\"datePublished\":\"2016-02-17T22:56:30+00:00\",\"dateModified\":\"2016-02-17T22:56:30+00:00\",\"commentCount\":0,\"mainEntityOfPage\":{\"@id\":\"http:\/\/www.kritische-organisationsforschung.de\/?p=1633#webpage\"},\"publisher\":{\"@id\":\"https:\/\/www.kritische-organisationsforschung.de\/#\/schema\/person\/af21231552ccb9e72e80be428f3eb39d\"},\"keywords\":\"Critical Theory,Critique,Discourse,Political Economy\",\"articleSection\":\"Kritische Ressourcen &amp; Studien\",\"inLanguage\":\"de\",\"potentialAction\":[{\"@type\":\"CommentAction\",\"name\":\"Comment\",\"target\":[\"http:\/\/www.kritische-organisationsforschung.de\/?p=1633#respond\"]}]},{\"@type\":[\"Person\",\"Organization\"],\"@id\":\"https:\/\/www.kritische-organisationsforschung.de\/#\/schema\/person\/af21231552ccb9e72e80be428f3eb39d\",\"name\":\"Ronald Hartz\",\"image\":{\"@type\":\"ImageObject\",\"@id\":\"https:\/\/www.kritische-organisationsforschung.de\/#personlogo\",\"inLanguage\":\"de\",\"url\":\"https:\/\/secure.gravatar.com\/avatar\/624d155aac0712cad634e66552b4f9fe?s=96&d=blank&r=g\",\"caption\":\"Ronald Hartz\"},\"logo\":{\"@id\":\"https:\/\/www.kritische-organisationsforschung.de\/#personlogo\"}}]}<\/script>\n<!-- \/ Yoast SEO plugin. -->","jetpack_shortlink":"https:\/\/wp.me\/p2DMtA-ql","jetpack_likes_enabled":true,"jetpack-related-posts":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.kritische-organisationsforschung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1633"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.kritische-organisationsforschung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.kritische-organisationsforschung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.kritische-organisationsforschung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.kritische-organisationsforschung.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1633"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.kritische-organisationsforschung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1633\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1634,"href":"https:\/\/www.kritische-organisationsforschung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1633\/revisions\/1634"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.kritische-organisationsforschung.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1633"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.kritische-organisationsforschung.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1633"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.kritische-organisationsforschung.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1633"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}