Kategorie-Archiv: Gouvernementalität

In eigener Sache: Workshop „Foucault und Organisation“

Am 19. und 20. Mai 2011 findet der zweite Workshop des Forums in Chemnitz statt. Dabei bilden konzeptionelle Fluchtlinien und empirische Perspektiven im Anschluss an Michel Foucault im Zusammenhang mit Veränderungen in und von Organisationen den diesjährigen Schwerpunkt. Zur Diskussion stehen insb. Studien zur (neoliberalen) Gouvernementalität und zu Anrufungen des Subjekts, zu Praktiken des Widerstands und der Heterotopie sowie diskurs- und dispositivanalytisch orientierte Arbeiten. Über die positive Aufnahme des Themas, die zahlreichen Einreichungen, Anfragen zur Teilnahme und schließlich auch über die konzeptionelle Breite der Beiträge haben wir uns sehr gefreut. Themen und Vortragende sind im Einzelnen:

  • Zwischen Organisationskultur und Organisationsmerkmalen: zeitgenössische Universitätsreform und unternehmerischer Aktivitätsmodus (Anna Kosmützky / Michael Borggräfe, Universität Kassel und DHV Speyer)
  • Lernservice-Infrastruktur – cui bono? Die Re-Organisation des Bildungssystems als Modus einer neoliberalen Gouvernementalität (Niels Spilker, FU Berlin)
  • Projektmanagement als Regierungsform (Yannick Kalff, Friedrich-Schiller-Universität Jena)
  • Zur Konstitution des Emotionsarbeiters (Daniela Rastetter, Universität Hamburg)
  • Diskurs- und Dispositivanalyse am Beispiel „Frauenquote“ (Gertraude Krell, FU Berlin)
  • „Catch me, if you can!“, shouts Homo oeconomicus … (Isabell Collien, FU Berlin)
  • Re-constructing age images in UK and Germany: Corporate and socio-politcal actors‘ rhetoric on age (management) discourses (Barbara Sieben / Heike Pantelmann / Michael Müller-Camen / Matt Flynn / Heike Schröder, FU Berlin und Middlesex University Business School)
  • „Emancipation from standards – Process management in the software development and its influence on technical innovations“ (Andrea Fried / Ronny Gey / Agnieta Pretorius / Lars Günther / Petrie Coetzee, TU Chemnitz und Tshwne University of Technology)
  • „Kritische Dekonstruktion“? – Ein paar Gedanken zum kritischen Potential des Sozialkonstruktivismus (Ingo Winkler , Universität Southern Denmark)
  • „Am Ende des Tages ist man immer auf sich gestellt.“ Macht und Widerstand in Medienunternehmen analysiert aus Sicht der Foucault Perspektive (Anne-Kristin Lehmann / Irma Rybnikova, TU Chemnitz)
  • Ausschließung, Einsperrung und vollkommen Anderes: Schulische Organisationen zwischen Heterotopien und panoptischen Blicken (Ina Herrmann, Universität Duisburg-Essen)

Das ganze Programm findet sich als PDF unter „Aktivitäten“.

Kapitalismus als frustrationsgetriebene Utopie, oder: „The American Way of Scheitern“

In der ZEIT vom 11.November 2010 diskutiert Boris Groys den nach der Finanzkrise durchaus paradox erscheinenden Aufstieg des „radikalsten Kapitalismus aller Zeiten“. Zwar insb. auf die Vereinigten Staaten bezogen, weist die Diagnose doch auf zwei  möglicherweise grundlegende Mechanismen neoliberaler Gouvernementalität hin:

1) die Logik des ’noch nicht‘ (es ist nie zuviel Markt, Unternehmertum, Wettbewerb); bezogen auf das „unternehmerische Selbst“ wurde dies von Ulrich Bröckling luzide analysiert.

2) die Logik des ’nicht scheitern können‘; da nach 1) der Markt ja noch gar nicht realisiert ist, kann man ihm kaum ein Scheitern unterstellen; ein (vermeintlicher) ‚Marktversagen‘ hat seine Ursache immer in einem vorgängigen ‚Staatsversagen‘.

Groys schreibt:

„[I]n einem weit größeren Ausmaß wurde durch die Krise die radikale Kapitalismusaffirmation gestärkt. […] Fast möchte man sagen, dass sich der real existierende Kapitalismus im Moment seiner tiefsten Krise aus der ökonomisch-politischen Realität ins Reich der reinen Ideen geflüchtet hat. […] Der Kapitalismus kann keine Krise haben, weil er bloß ein Projekt, eine Hoffnung, eine Ideologie ist. Die heutige Krise ist vielmehr eine Krise des Staates, der den Kapitalismus durch Regulierung unterdrückt – und der auch jetzt, wo er praktisch kollabiert ist, an seiner Macht klebt und den Sieg der kapitalistischen Utopie verhindert.“

Diskussionswürdig ist schließlich auch die auf den Film ‚Social Network‘ bezogene Diagnose:

„In der aktuellen Phase des Kapitalismus erkennt man in der erotischen und sozialen Frustration [etwa des Facebook-Gründers Zuckerberg, R.H.] die einzig verbliebene ökonomische Kraft.“