ARD-Themenwoche „Zukunft der Arbeit“ – weitere Eindrücke zur diskursiven Rahmung

Gerade findet in der ARD die Themenwoche „Zukunft der Arbeit“ statt. Beiträge unterschiedlichster Art – vom Krimi über zahlreiche Reportagen bis hin zu Talkshows – wurden und werden hierbei gesendet:

http://www.ard.de/home/themenwoche/ARD_Themenwoche_2016_Zukunft_der_Arbeit/3235538/index.html

Werner Nienhüser nimmt auf seinem Blog Employment Relations eine erste kritische Einschätzung vor, welche ich hier gerne wiedergebe und kurz ergänzen möchte:

Eine gute bzw. gut gemeinte Sache?  Ein nicht so kleines Aber: Die Sendungen scheinen mir sehr stark zum einen auf die Ersetzung von menschlicher Arbeitskraft durch (i.w.S.) Maschinen, zum anderen auf die Folgen für das Individuum (Abstieg, Armut) zentriert zu sein. Eine solche Perspektive könnte folgende Funktionen erfüllen: Sie vermitteln ein Gefühl der Ersetzbarkeit eines jeden Einzelnen. Als Lösung wird lediglich angeführt, man müsse sich eben individuell für den Wandel qualifizieren. Das schürt Konkurrenz und rückt lediglich individuelle (Re)aktionen in den Blick. Technische Veränderungen werden als gleichsam unveränderlich dargestellt, kollektive Gestaltungsmöglichkeiten (oder gar Möglichkeiten der Gegenwehr) werden nicht thematisiert und damit ausgeblendet. – Ja, richtig, ich kann die Sendungen noch gar nicht gesehen haben und werde auch nicht alle sehen können. Es ist auch lediglich eine Vermutung von mir über die Effekte für den Diskurs, von der ich hoffe, dass sie sich nicht bestätigt. (Quelle: https://employmentrelations.wordpress.com/2016/10/31/ard-themenwoche-zukunft-der-arbeit/)

Sicher zeigt sich zunächst eine hohe Diversität in den Beiträgen zur Themenwoche – diese müsste noch erheblich genauer betrachtet werden. Wichtig erscheint mir zunächst, wie denn die „Zukunft der Arbeit“ diskursiv gerahmt wird, und Werner Nienhüser gibt hier bereits ein paar wichtige Eindrücke wieder. Drei Aspekte dieser Rahmung lassen sich, nach meinen ersten Eindrücken, ergänzen:

  1. Der Rahmen der Woche scheint stark vom Begriff „Digitalisierung“ geprägt. „Digitalisierung“ wird auf der gleichen Ebene wie „Globalisierung“ angesiedelt und wird, wie bei „Globalisierung“ hinlänglich bekannt, als Naturereignis in den Diskurs eingeführt. In der Ankündigung zur Themenwoche heißt es:

Ob wir es wahrhaben wollen oder nicht: Die Zukunft der Arbeit hat längst begonnen. Digitalisierung und Globalisierung schreiten unaufhaltsam voran. Die klassische Erwerbsarbeit des Industriezeitalters verliert an Bedeutung. „Industrie 4.0“, „Sharing-Ökonomie“ oder „Cloud-Working“ heißen die Schlagworte. Das „Internet der Dinge“ wird schon bald Produkte aus dem 3D-Drucker möglich machen, individueller und billiger als heute. Software wird Sachbearbeiter in den Büros ersetzen, Automaten werden sich selbst optimieren. Neue Plattformen und Netzwerke machen bereits jetzt jeden Autobesitzer potentiell zum Billig-Taxi-Anbieter und jeden Wohnungsbesitzer zum Vermieter von Gästezimmern. Aber wer sind bei all diesen Veränderungen eigentlich Gewinner und Verlierer? (Quelle: http://www.ard.de/home/intern/presse/pressearchiv/ARD_Themenwoche_2016___Zukunft_der_Arbeit_/3135958/index.html)

2. Der Begriff „Digitalisierung“ dient zugleich als neue Umschreibung von „Rationalisierung“ (welche das unausgesprochene Zentrum des Diskurses ist). Implizit geht es um Effizienz, Wachstum, den Einsatz von Technologie i.S. instrumenteller Vernunft. Das ökonomische Narrativ hinter der „Zukunft der Arbeit“ scheint somit dem Anschein nach nichts Neues anbieten zu können; es ist letztendlich eher Verlängerung der Gegenwart als eine irgendwie anders geartete Zukunft. Deutlich scheint mir diese Rahmung beim sogenannten „Job-Futuromat“ zu sein. Beim „Job-Futoromat“ gibt man einen Beruf an und erfährt, welche Tätigkeiten dieses Berufes heute bereits automatisiert werden können. In den Erläuterungen zum „Job-Futuromat“ wird das technisch und ökonomische Narrativ deutlich, lediglich abgeschwächt durch mögliche rechtliche Fragen oder ethische Überlegungen – eine politische Ökonomie lässt sich daraus sicher nicht gewinnen:

„Es muss aber nicht sein, dass eine Tätigkeit, die als momentan automatisierbar eingestuft wurde, in den nächsten Jahren tatsächlich automatisiert wird. Möglicherweise ist die menschliche Arbeit hier wirtschaftlicher, flexibler oder von besserer Qualität. Auch rechtliche oder ethische Hürden können einer Automatisierung entgegenstehen.“ (Quelle: http://job-futuromat.ard.de/faq.html)

3. Erscheinen einem ‚ethische Hürden‘ schon als nicht sonderlich beruhigend, erscheint mir schließlich ein weiterer Aspekt der Anrufung des Fernsehzuschauern oder des Nutzers der Online-Angebote bedeutsam. Hier gilt – wiederum bezogen auf den „Job-Futuromat“ – dass sich niemand seiner Arbeit sicher sein sollte. Wenn man etwa Hochschullehrer als Beruf angibt, wird eine null-prozentiger Grad der Automatisierbarkeit angezeigt. Aber merke auf:

Bleibt in meinem Job alles beim Alten, wenn der Grad der Automatisierbarkeit niedrig (oder 0%) ist?

Auch in Berufen mit einem niedrigen Grad der Automatisierbarkeit – selbst von 0% – ist es gut möglich, dass in Zukunft Tätigkeiten automatisierbar sein werden, von denen wir uns heute noch nicht vorstellen können, dass sie einmal von Maschinen, Robotern oder Computerprogrammen ausgeführt werden könnten. (Quelle: http://job-futuromat.ard.de/faq.html)

Damit geht es zurück zur Ausgangsrahmung. Aber keine Angst – für das verunsicherte Subjekt ist praktische Hilfe in Sicht:

Klar ist aber, dass der technische Fortschritt die Anforderungen an die menschliche Arbeit verändert. Eine kontinuierliche berufliche Weiterbildung wird daher immer wichtiger. Informationen hierzu finden Sie bei der BA. (Quelle: http://job-futuromat.ard.de/faq.html)

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