Anmerkungen zum Diskurs des Ökonomischen – Teil 2: Virus

Auch bei dieser zweiten Anmerkung verbleibe ich im Bereich der symbolischen Repräsentation und Konstruktion ökonomischer und organisationaler Krisen. Schloss man mit der Symbolik des Zombies an kulturelle, mythische und popkulturelle Bildfelder an, verknüpft man den ökonomischen Bereich mit den Begriff des Virus – und der damit in der Regel verknüpften Semantik der Infektion, Ansteckung oder des Befallen seins, mit dem Bildfeld der Medizin, genauer der Virologie. Zwei ältere Beispiele aus der FAZ sollen hier genügen:

„Niemand bezweifelt mehr ernstlich, dass die Vereinigten Staaten vom Virus des Wirtschaftsabschwungs befallen sind.“ („Amerika bringt alles ins Rutschen“, in: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 20.01.2008, S. 39)

„Die Finanzkrise frisst sich fort. Ein Markt nach dem anderen wird befallen von dem Virus, der im amerikanischen Immobilienmarkt seinen Ursprung hat.“ („Am Tropf“, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 26.02.2009, S. 11)

Zu beachten ist zunächst, dass die Symbolik des Virus leicht verknüpft wird mit der Symbolik des Heilung: Die Überschrift des zweiten zitierten Artikels lautet „Am Tropf“, naheliegend sind auch entsprechende „Behandlungen“ und „(Geld-)spritzen“.

Zu vermuten ist, dass dieser virologische Diskursstrang über das Ökonomische beim Rezipienten die eigene Lebenswirklichkeit evoziert – trotz aller alltagspraktischen Vorsicht besteht immer eine Ansteckungsgefahr. Für das mit dem Virus assoziierte Bild der Ökonomie und der Organisation meint dies, dass etwas schwer Kontrollierbares von außen in einen (gesunden) Organismus (=Organisation) eindringt und diesen befällt. Die Schuldfrage lässt sich dann bei einer derartigen um sich greifenden Ansteckung nur bedingt stellen. Verwiesen wird hingegen erstens auf den Bereich der Präventation – die klinische Symbolik des ‚Stresstest‘ taucht hier auf. Zweitens ist auch klar, dass bei derart ‚grassierenden Ansteckungen‘ schnell, massiv und zentral gehandelt werden muss. Damit lässt sich – als hier letzte Assoziation – ein Bezug zu jener Disziplinargesellschaft im Foucaultschen Sinne ziehen: „Hinter den Disziplinarmaßnahmen steckt die Angst vor den ‚Ansteckungen‘ […] Die Pest (jedenfalls die zu erwartende) ist die Probe auf die ideale Ausübung der Disziplinierungsmacht.“ (Überwachen und Strafen, 254f.) Inwiefern die Disziplinierung (etwa i.S. der ‚Austerität‘) dann die Ökonomie selbst trifft, sei dahingestellt.

Zum Schluss aber noch ein Hinweis auf eine positive Umdeutung der ansonsten bedrohlichen Virussymbolik. Das Stichwort lautet hier: ‚virales Marketing‘.

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