Massenmedien und Kapitalismus – Ein Beitrag von Georg Seeßlen im „Freitag“

Im „Freitag“ findet sich ein instruktiver Essay von Georg Seeßlen, welcher sich dem Zusammenhang von Massenmedien und ökonomischen Krisen zuwendet. Dass nach der Krise vor der Krise ist, führt Seeßlen auch auf eine Verschränkung von Komplexität und Kindergarten-Mythologie im medialen Kapitalismus zurück. Zitat:

„Anlageberatung, so scheint es, tut mehr not als frisches Obst. Zeitungen werden nicht mehr vom Sport- sondern vom Wirtschaftsteil aus gelesen, fallende Aktienkurse werden als böse Omen angesehen, „erfreuliche“ Wirtschaftsdaten dagegen scheinen automatisch zu belegen, dass es „uns“ wieder besser geht. Der Morgen beginnt für Leute wie du und ich mit einem Blick in den „Börsen-Ticker“. Unter den Nachrichten aus aller Welt laufen als unendliches Band die Börsenkurse in Echtzeit. Und jeden Tag präsentiert das Erste Deutsche Fernsehen in einer Sendung vor den Nachrichten die Börse als Schicksalsraum und Stimmungszirkus. Moderator oder Moderatorin, so charmant wie Heizdecken-Verkäufer bei Senioren-Kaffeefahrten, preisen das System als so umfassend wie menschlich, nie verabschieden sie sich, ohne die komplexen Aktienbewegungen in einen volkstümlichen Sinnspruch verpackt zu haben. Im Ecotainment dieser famosen Sendung wird in den auftretenden Figuren, den Moderatoren und ihren Experten-Gästen, die dialektische Einheit von komplexem System und Kindergarten mythisch vollendet. Die Maschine der Börse ist hier zu einem Jahrmarktgerät geworden. Im Ecotainment muss nichts stimmen, aber alles stimmig sein. Der populistische Medienkapitalismus erwies sich als perfekte Antwort auf die Krise.“

Seeßlens knappe Beschreibung der Rating-Logik könnte man hingegen – wenn man mag – auf Zeitschriftenrankings, Universitätsrankings und ähnliches mehr übertragen:

„Das Rating ist die narzisstische Introspektion eines Systems, das sich nicht mehr entwickeln kann. So wie jemand, dem nichts mehr einfällt als zwanghaft das Angesammelte immer wieder neu zu sortieren. Ein Rating verstehen wir daher sofort, und das Rating der Rating-Agenturen scheint noch einfacher als das Rating der Heringsmenüs. AA+! CC-! Gibt es etwas Einfacheres? Daher ist auch ihre Schuld sehr einfach festzustellen. Ab heute ist nicht mehr die „Gier“, sondern die Rating-Agentur Schuld an allem, was schiefläuft. Sie stufen ein Unternehmen oder gleich einen ganzen Staat herunter, und prompt geht er bankrott. So wäre eine der Lösungen eine eigene Rating-Agentur. Gute Ratings gegen böse, unsere Ratings gegen die der anderen. Weil: Ohne Rating wäre man ja ratlos.“

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