Diskurs und Ökonomie – Teil 14: Im TTIP-Leseraum

„Ich setze voraus, daß in jeder Gesellschaft die Produktion des Diskurses zugleich kontrolliert, selektiert, organisiert und kanalisiert wird – und zwar durch gewisse Prozeduren, deren Aufgabe es ist, die Kräfte und Gefahren des Diskurses zu bändigen, sein unberechenbar Ereignishaftes zu bannen, seine schwere und bedrohliche Materialität zu umgehen.“ (Foucault, Die Ordnung des Diskurses, S.10f.)

Es ist auf den ersten Blick zunächst beruhigend, dass die Analyse des Zusammenhangs von Wissen/Macht nicht notwendig subtil sein muss. Berechtigterweise hat man sich in poststrukturalistischer Perspektive den subtilen Mechanismen der Unterwerfung zugewandt, welche oftmals im Gewand der Freiheit erscheinen. Verfolgt man die Meldungen über den nun in Berlin eingerichteten TTIP-Leseraum, findet man sich wieder mittendrin in der Disziplinargesellschaft mit ihrer Programmatik der Klausur und der Parzellierung: kein Handy, kein Netz, Zutritt für zwei Stunden, Schreibmaterial wird bereitgestellt, ein Redeverbot über das Gelesene, kein nachträglicher Austausch mit Experten. Die Bezeichnung Leseraum trifft all dies schon recht gut und erinnert auch an die klösterlichen Bezüge der Disziplinargesellschaft (einer der Abgeordneten fand es auch gut, einmal für zwei Stunden sein Handy abgeben zu müssen).

Die Berichte über den Leseraum wecken dann auch weiter Assoziationen an Umberto Ecos Der Name der Rose. So droht dem-/derjenigen Strafe, welche(r) darüber spricht, was er/sie im Leseraum gelesen hat – ich hoffe natürlich nicht, dass diese Strafe Eco’sche Dimensionen hat. Auch weckt das geheimnisvolle Prozedere gerade den Verdacht, dass von der Lektüre und dem Sprechen darüber Gefahr ausgeht – „Das böse Buch wird noch gesucht, wir lesen es gern“ (Tocotronic).

Was nun auf den zweiten Blick beunruhigend ist, ist die Offenheit, mit der die disziplinarischen Mechanismen bekanntgegeben werden oder sogar als neue Form der Transparenz bezeichnet werden, da es einen derartigen Leseraum bei vorherigen Abkommen so nicht gab. Es ist beunruhigend, da es gerade nicht subtil ist beziehungsweise gar nicht erst um Subtilität bezüglich der Kontrolle des Diskurses bemüht ist. Möglicherweise steht der TTIP Leseraum – ideologiekritisch gewendet – dann für das, was bei Sloterdijk einmal das ‚zynische Bewusstsein‘, ein gewissermaßen ‚vollends aufgeklärtes Bewusstsein‘ genannt wurde: Sie wissen sehr gut, wie möglicherweise lächerlich und kritikwürdig dies alles erscheinen mag, aber Sie tun es trotzdem.

 

 

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