Diskurs und Ökonomie – Teil 17: „Totholz“ und „Zitronen“ – zur Klassifikation von Beschäftigten

Formen der Klassifizierung und Hierarchisierung von Individuen und Gruppen gehören zu den grundlegenden diskursiven Mechanismen, welche zugleich den Zusammenhang von Macht-Wissen und Subjektivierung deutlich machen.

Instruktiv wäre in dieser Hinsicht eine Sammlung von abwertenden (und korrespondierend aufwertenden) Metaphoriken der Klassifikation von Beschäftigten hinsichtlich ihrer Leistung und die damit verschränkten unternehmerischen Praktiken. Nur zwei Beispiele:

Im Buch „Strategic management of human resources: A portfolio approach” von George Odiorne findet sich eine Klassifikation von Mitarbeitern, welche unverkennbar an die im strategischen Management geläufige Portfolio- oder BCG-Matrix angelehnt ist (das Beispiel ist entnommen aus Diaz-Bone/Krell 2015, S. 30):

HRM_Portfolio

 

 

 

 

 

 

Die Beschäftigtengruppe „Totholz“ wird hier in Beziehung gesetzt zu den „Arbeitspferden“, „Problembeschäftigten“ und natürlich den „Stars“. Das mit „totem Holz“ nicht mehr viel anzufangen ist, muss nicht eigens hervorgehoben werden.

Von „Zitronen“ sprach Jack Welsh, ehemals Chef bei General Electric, im Hinblick auf das von ihm popularisierte ‚forced ranking‘, einer ‚erzwungenen‘ Klassifikation von Beschäftigten in drei Gruppen: 20% Stars, 70% Mittelbau und 10% Zitronen. Zitronen lassen einem des öfteren das Gesicht verziehen, insofern blieb für die jeweils unteren 10% nur die Kündigung. Diese „Zitronen“ wurden analog als „low performer“, zu Deutsch „Minderleister“ bezeichnet und fanden auch unter diesem Begriff prominenten Eingang in das Feld des Human Resource Management.

Bedeutsam im Sinne des Zusammenhangs von Wissen-Macht-Subjektivierung ist die Kopplung der differenzierenden Metaphorik an Vorstellungen von Normalverteilungen bzw. Gaußschen Glockenkurven. Beim ‚forced ranking‘ wird einfach zwingend eine Normalverteilung erzeugt, da es immer jemand geben muss, der weniger leistet als andere. Wir treten hier ein in den Bereich der flexibel-normalistischen Strategien der Erzeugung von Normalität (vgl. hierzu die Arbeiten von Jürgen Link), welche nicht einfach ‚von oben‘ eine Norm vorgibt, sondern die Normalverteilung aus der forcierten Bewertung der Beschäftigten konstruiert. Das dann wieder rigide in normal und anormal unterschieden, mag zum inzwischen eher zweifelhaften Ruf des ‚forced ranking‘ beigetragen haben. Trotzdem wäre kritisch zu fragen, in welchen Gestalten wir – etwa im akademischen Bereich – inzwischen dieser Art Ranking begegnen und inwiefern wir unser Handeln an ihnen orientieren.

Quellen

Diaz-Bone, Rainer; Krell, Gertraude (Hg.) (2015): Diskurs und Ökonomie. Diskursanalytische Perspektiven auf Märkte und Organisationen. 2. Aufl. Wiesbaden: Springer VS.

 

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