Diskurs und Ökonomie – Teil 19: Geldschleusen und zu flutende Märkte

Seit der globalen Finanzkrise und ihren Folgen gehört die Flutmetaphorik zum ständigen Vokabular der Beschreibung der Märkte und der Geldpolitik. Flut entstammt dem Quellbereich von Wetter- und Naturphänomen und besitzt dort üblicherweise eine an Katastrophen gemahnende Bedeutung. Übertragen auf die Ökonomie lässt sich im neuen Frame eine Verwandlung oder sogar Umkehrung beobachten, in welcher die Flutung der Märkte mit dem ‚billigen‘ Geld der Zentralbank die Geld- und Warenströme offenbar vor der Austrocknung bewahren soll. So werden die Geldschleusen oder wahlweise der Geldhahn geöffnet, es wird Geld in die Märkte gepumpt oder die Märkte werden mit Geld überschwemmt, welches zu einer (Wieder-)Belebung des marktlichen Geschehens führen soll. Dahinter scheinen weitere Assoziationen auf, so der Geldfluss oder die Liquidität. Drei Dinge sind hier anzumerken:

  • Kognitiv verankert wird das Bild, dass Märkte flüssig sein müssen, um zu funktionieren, dass die Austrocknung die Krise und den Tod bedeuten kann. Daran kann niemanden gelegen sein – schließlich weiß man selbst, was es heißt, nicht flüssig zu sein. Die Flutmetaphorik hat insofern eine handlungsleitende Funktion.
  • Die Flutmetaphorik erweist sich zweitens als ein weiteres diskursives Mittel einer Naturalisierung der Märkte.
  • Der positive Wert der Flussmetaphorik und der Flutmetaphorik verweist schließlich auf die Kontext- und Rahmenabhängigkeit des Metapherngebrauch. Dies ist frappant, wenn man die Flutmetaphorik im Kontext der Migrations- und Flüchtlingsdiskussion betrachtet (vgl. hierzu bereits Jürgen Link 1988). Da finden sich dann die Asylantenflut und der Flüchtlingsstrom, gegen welche Dämme errichtet und die Schotten dicht gemacht werden müssen. Flüchtlinge also als bedrohliches ‚Außen‘, welche den ‚Innenraum‘ der Gesellschaft bedrohen. Für den ‚Innenraum‘ der Ökonomie, so scheint es, ist die Geldflut hingegen ein Segen.

Quellen:

Link, Jürgen (1988): Über Kollektivsymbolik im politischen Diskurs und ihren Anteil an totalitären Tendenzen. KultuRRevolution 5 (17/18), S. 47-53.

 

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